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In seiner Jugend hatte Walther noch die glanzvolle Zeit des ersten Friedrich, des Barbarossa, gesehen. Dieser hatte durch seine thatkräftige Politik nicht nur der Kaiserkrone das höchste An- sehen verschafft, sondern auch nach langen Kämpfen endlich Ruhe und Frieden für sich und seine Völker errungen. Als aber die Trauerkunde kam, dass Sultan Saladin in Jerusalem eingezogen sei und das goldene Kreuz von der Zinne des Tempels herabgestürzt habe, da zauderte der ritterliche Greis nicht als oberster Fürst und Schirmherr der Christenheit auszuziehen, um das heilige Land den Hünden der Ungläubigen zu entreissen. Er behris nicht zurück, im Dienst der heiligen Sache opferte er sein Leben.
Seinen ersten Dichterruhm erwarb sich Walther unter der Regierung Heinrichs VI., der, wenn auch noch jung, doch Kraft und Klugheit genug in sich fühlte die von seinem Vater ihm über- kommene kaiserliche Macht nicht nur zu bewahren, sondern auch weiter auszubilden und seinem Geschlecht dauernd zu sichern. Aber mitten in seinen kühnen Entwürfen raffte am 28. Sept. 1197 den zweiunddreissigjährigen Kaiser im fernen Süden ein plötzlicher Tod dahin. Die Lage der Dinge ward dadurch mit einem Male veründert. Nach den Zeiten der Ruhe und Ordnung kam Verwirrung und Auarchie über Deutschland. Der alte Parteihass zwischen Welfen und Hohenstaufen ent- brannte von neuem. Hatte einst Friedrich I. seinen stolzen Gegner Heinrich den Löwen mit Gewalt gezwungen sich der kaiserlichen Hoheit zu beugen, so standen sich jetzt die Söhne beider, Philipp von Schwaben und Otto IV., als gewählte Kaiser gegenüber, um mit den Waffen zu entscheiden, wem das Reich zufallen sollte. Ein unseliger Bürgerkrieg verwüstete gegen zwanzig Jahre lang den Boden unseres Vaterlandes und die Kraft der Nation verzehrte sich in inneren Kimmpfen,— ein Vorspiel der kaiserlosen schrecklichen Zeit des Interregnums.
Dieses war die Zeit, in welcher Walther von der Vogelweide an den Geschicken des deutschen Volkes thätigen Anteil zu nehmen begann. An dem sangesreichen Hofe der Babenberger zu Wien, wo er singen und sagen gelernt, hatte er schon unter Leopold VI.(1177— 1194) und Friedrich dem Katholischen(1194— 1198) geraume Zeit seine Kunst im Minnedienst geübt. Im Jahre 1198, als Leopold VII. seinem auf einer Kreuzfahrt in Palistina gestorbenen Bruder in der Regierung ge- folgt war, liess sich der Dichter durch unbehagliche Verhältnisse am Wiener Hof bestimmen als fahrender Sänger in die Ferne zu ziehen. Jetzt trat er in voller Manneskraft hervor, um seine Kunst in den Dienst des Vaterlandes zu stellen.
Der trostlose Zustand Deutschlands erfüllte Walthers Gemüt mit tiefem Schmerz. Er zeichnet sich in einem Spruch selbst, wie er, in Trauer versunken, auf einem Stein sitzend, das Haupt in seine Hand gestützt, ¹) des Vaterlandes Not überdenkt und beklagt(Pf. 81, I. Si. 1. Wi. 49):„Un- treu hält Hof und Leute, Gewalt führt aus auf Beute, so Fried' als Recht sind todéswund.“ Ja er sieht in dem Elend ein Vorzeichen des Nahens des jüngsten Tages(Pf. 84. Si. 6. Wi. 51, 181):2²)
Nun wachet all'! Es naht der Tag, Vor dem die Welt wohl zittern mag, Die Christenheit, die Juden und die Heiden. Der Zeichen sind schon viel geschehn, Daran sein Kommen wir ersehn,
¹) So stellt ihn die bekannte Abbildung in der Weingartner uud Pariser Liederhandschrift dar.
²) Der Spruch ist mit Simrock und Wilmanns in das Jahr 1198, nicht mit Pfeiffer-Bartsch in das Jahr 1208 zu setzen.


