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und unbefangen, dass er gar kein Bedenken trägt den Erzengeln Michael, Gabriel und Raphael (Pf. 173. Si. 95) mit naivem Humor zu drohen, er werde ihnen sein Lob versagen, wenn sie nicht bald zur Befreiung des heiligen Landes thätigere Hülfe leisteten.
Nachdem wir Walther als einen Mann von echter, im Leben sich bewährender Religiosität und zugleich als einen treuen Anhänger seiner Kirche kennen gelernt haben, so wird er uns noch näher treten, wenn wir seine vaterländische Gesinnung betrachten. Er liebt das deutsche Land, er ist stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Er glüͤht für Deutschlands Ruhm und für die Ehre der deutschen Kaiserkrone. Und wie weiss er den Preis deutscher Männer und deutscher Frauen zu singen!(Pf. 37. Si. 126. Wi. 52.)
Lande hab' ich viel gesehn, Nach den Besten blickt' ich allerwärts; UÜbel möge mir geschehn, Wenn sich je bereden liess mein Herz, Dass ihm wohlgefalle Fremder Lande Brauch; Wenn ich lügen wollte, lohnte es mir auch? Deutsche Zucht geht über alle.
Von der Elbe bis zum Rhein Und zurück pis an der Ungarn Land, Da mögen wohl die Besten sein, Die ich irgend auf der Erde fand. Weiss ich recht zu schauen Schönheit, Huld und Zier, Hilf mir Gott, so schwör' ich, dass sie besser hier Sind als andrer Länder Frauen.
Züchtig ist der deutsche Mann, Engelgleich das deutsche Weib und rein; Thöricht, wer sie schelten kann, Anders wahrlich mag es nimmer sein; Zucht und reine Minne, Wer die sucht und liebt, Komm' in unser Land, wo es noch beide giebt; Lebt' ich lange nur darinne!
Aber Walther blieb nicht bei dem dichterischen Preis Deutschlands stehen, er hat selbst, indem er seine Kunst in den Dienst des Vaterlands stellte, thätigen Anteil an dem öffentlichen Leben seiner Zeit genommen. Er hat als ein begeisterter Kümpfer für Wahrheit und Recht fast ein Menschenalter hindurch mit mannliaftem Wort eingegriffen in jenen grossarrtigen Streit zwischen Hierarchie und Kaisertum, in welchem das Geschlecht der Hohenstaufen seinen Ruhm und seinen tragischen Untergang fand. Um dem Dichter hierbei folgen zu können, müssen wir zugleich einige Blicke auf seine Lebensschicksale und die damalige politische Lage Deutschlands werfen, doch nur soweit es zum Verständnis der Dichtung nötig erscheint.


