Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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genommen, indem manche Worte, besonders alttestamentliche, die an sich keine Beziehung auf Maria haben, nach symbolischer Auffassung auf sie übertragen werden, oder aus der Natur, indem dasjenige, was Menschenhände nicht gebildet, was, nach unabänderlichen Gesetzen fortbestehend, die Frische und Unschuld der ersten Schöpfung bewahrt, am würdigsten erscheint der irdische Spiegel des Gött- lichen zu sein und zugleich der poetischen Naturbetrachtung entspricht.(W. Grimm, a. a. O. XIX.)

Von der vorhandenen Ubermenge solcher Bilder und Gleichnisse hat Walther nur eine beschränkte Anzahl verwandt. Er nennt Maria die reine süsse Magd(Pf. 173,9), die Jungfrau über alle Jung- frauen und ihre Königin, die Königin ob allen Frauen(Pf. 78,29), die Königin der Engel, die Amme Gottes, die süsse Himmelsfrau. Sie ist die blühende Gerte Arons(Pf. 80,32. Si. 116,32) nach 4. Mos. 17,8, weil sie wie diese durch Gottes Allmacht blühte und Frucht trug, die Pforte Ezechiels, die nie ward aufgethan, nach Ezech. 44,2, weil diese gegen Morgen gelegene Pforte des Tempels nie geöffnet werden sollte und niemand hindurchgehen sollte als Gott allein. Sie ist der brennende Busch nach 2. Mos. 3,2, der von der Flamme, in welcher der Herr erschien, nicht verzehrt ward. Sie ist eine Wohnung für den Thron Salomos, das Lammfell Gideons(Pf. 80,68. Si. 116,83) nach Richt. 6,37. 38, welches allein von dem Himmelstau befeuchtet ward, während die übrige Erde trocken blieb. Sie empfing das Wort, daraus der Gottmensch erwuchs, durch die Pforte ihres Ohrs. Ihr Schoss ist der Palast, darin das Lamm beschlossen lag, ihr keuscher Leib barg den, welchen Hõöhe, Breite, Tiefe und Länge nie umfangen mochte(Si. 40. Wi. XXIII, 11), ¹) sie ward ohne Sünde und Weh die Wohnung des grössten Wunderers. Sie ist die aufgehende Morgenröte nach H. Lied 6,9, die Rose ohne Dorn(Pf. 80,137) nach H. Lied 2,2, sie ist Balsambaum und Perle, ein hochschwellend Meer der Gnade, Tugend und aller Güte(Si. 40). Wie die Sonne durch Glas scheint, so ward sie, die sonnenfarbe klare, von Gott durchdrungen.Dich lobt der hohen Engel Kreis, so beschliesst der Dichter den Leich mit einer begeisterten Anrufung der h. Jungfrau, doch nie gelang es allem Fleiss, zu enden deines Namens Preis, so oft er ward gesungen von Stimmen oder Zungen, im Himmel und hienieden; nun gieb uns, Heil'ge, Frieden; wir bitten dich für unsre Schuld um deine Gnade, deine Huld. Kommt Fürbitt' uns geronnen aus der Erbar- mung Bronnen, so haben wir mit Wonnen Erleichterung gewonnen der Schuld, womit wir schwer beladen. Die hilf uns, Herrin, wegzubaden im Quell beständ'ger Reue um unsrer Sünden Last, die ausser Gott nur du allein uns zu vergeben hast.

Dass diese Auswahl Walthers aus dem überlieferten Bilderschmuck eine massvolle genannt werden muss, zeigt eine Vergleichung mit anderen Dichtungen, z. B. mit Konrads von Würzburg goldener Schmiede oder mit dem Gottfried von Strassburg zugeschriebenen Lobgesang auf Christus und Maria, welche in der Häufung der gesuchtesten Prädikate kein Mass finden können. Wie sehr übrigens eine solche bilderreiche Sprache dem Geschmack der Zeit entgegenkam, ²) können wir daraus ersehen, dass die goldene Schmiede ein verbreitetes Buch war und dass Konrad im Vergleich zu anderen noch einfach erscheint.

Wie in der Marienverehrung so steht Walther auch hinsichtlich der Verehrung der Engel und Heiligen ganz in den Anschauungen seiner Zeit; ja er weiss sich in dieser Beziehung so sicher

¹) Den aller Weltkreis nie beschloss, der lieget in Marien Schoss. Luther.

²) W. Grimm führt in der Einleitung zur gold. Schmiede S. XXVI-LIII Hunderte solcher Bilder an. Doch teilten nicht alle Dichter diesen Geschmack. Bei Wolfram v. Eschenbach findet sich nichts von dem Marienkultus.