Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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entfaltete. Der Minnedienst, zunächst aus dem Rittertum hervorgegangen, ward in seiner Entwicke- lung ebensosehr durch die Marienverehrung befördert, wie diese durch jenen. Dadurch dass Gottes Leib von einer Magd geboren wurde, ist den Frauen überhaupt eine höhere Weihe beigelegt worden. ¹) Welche erhabenere Sanktion hätte dem Minnedienst gegeben werden können? Und wenn man in der Frauenverehrung eine löbliche ritterliche Tugend erblickte, so lag es nahe, den höchsten Grad der Verehrung dem Ideal edler Weiblichkeit, der Himmelskönigin selbst darzubringen. Der Marien- dienst war eine Idealisierung des Minnedienstes. Zugleich nüherte man durch die Verehrung der heiligen Jungfrau die Hoheit und Überweltlichkeit des göttlichen Wesens dem menschlichen Empfinden und Denken. Ein menschlich fühlendes Herz konnte man am ersten bei der voraussetzen, welche für ihren göttlichen Sohn ein gleiches Los getragen hatte wie irdische Mütter, und Erhörung konnte man am leichtesten bei derjenigen hoffen, welche die höchste menschliche Liebe, die Mutterliebe, em- pfunden hatte. Man setzte voraus, dass Christus seiner Mutter keine Bitte abschlagen werde(Pf. 173,9 ff. Si. 95,9 ff), durch ihre Fürsprache, ihre Verwendung also glaubte man am sichersten Zu- tritt bei Christus und bei Gott selbst zu erhalten. Nicht nur viele Kirchen, sondern auch manche Mönchs- und Ritterorden waren ihr gewidmet,an ihren Festen und Altären glühte die Andacht der Christen weit mehr als an den zum Dienste Gottes und Christi bestimmten. ²) In der Litteratur und in der Kunst nehmen die Darstellungen aus ihrem Leben eine hervorragende Stelle ein, und wenn diese Zeugnisse fehlten, so würde uns die grosse Zahl der Orte, der Kirchen und der Personen, die ihren Namen tragen, noch heute von der grossen Bedeutung Kunde geben, welche der Marien- dienst einst gehabt hat.

So kann es uns nicht wundern, wenn auch Walther an vielen Stellen seiner Gedichte die heilige Jungfrau anruft(Pf. 78,29. 80,135. 146. 89,7. 171,6 und öfter). Insbesondere enthält, wie schon gesagt, der Leich eine begeisterte Lobpreisung Marias in blühender, bilderreicher Sprache.

Erscheinen unsrer heutigen Anschauung diese von Walther angewandten Bilder und Gleich- nisse teilweise gesucht und übertrieben, so ist dabei zu bedenken, dass dieselben Gemeingut der damaligen Christenheit waren und gar nicht von dem Dichter erfunden sind, undwas Jahrhunderte lang gedauert hat, das muss die menschliche Seele wirklich berührt und befriedigt haben,3) und man darf nicht den Standpunkt unsrer Zeit, ihre Gesinnung und ihren Geschmack hier geltend machen wollen. Goethe sagt 4) bei Gelegenheit eines Liedes im Wunderhorn, dem eins dieser Gleichnisse zu grunde liegt, man könne sich des Lüchelns darüber nicht enthalten; das mag wahr sein, wenn aber der Versuch das Unbegreifliche und Unaussprechliche auszudrücken notwendig misslingen muss, so wird doch der menschliche Geist nicht ablassen, sich ihm auf diese Weise zu nühern, selbst wenn er sich der Unzulänglichkeit und Krmlichkeit seiner Mittel bewusst wäre. Beurteilt werden kann hier nur die Aufrichtigkeit und innere Lebendigkeit des Gedankens. Die zum Preis der heiligen Jungfrau dienenden Sinnbilder und Vergleichungen sind zum grössten Teil entweder aus der Bibel

¹) Reinmar von Zweter: Der werlde hort lit gar an reinen wiben, ir lop daz sol man hochen unde triben. Swaz Got geschuof ie creatiure, daz überguldent reiniu wip: ez wart geborn sin selbes lip von einer magt; daz gab er in ze stiure. 3

²) Siehe Schröckh, christl. Kirchengeschichte XXVIII, 235. 236. 3) W. Grimm in der Einleitung(S. XVIII) zu Konrads von Würzburg goldener Schmiede. Berlin 1840. 4) Werke, Ausg. letzter Hand 1830. 33,185. Hempelsche Ausg. 29,391.