Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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offenbâr und tougen hüetet iuwer ougen.

Hüetet iuwer ôren, oder ir sit tôren. lät ir bœsiu wort dar in, daz gunèret iu den sin. daz gunéret iu den sin, lät ir bœsiu wort dar in, oder ir sit tôren; hüetet iuwer ôren.

Hüetet wol der drier leider alze frier. zungen ougen ôren sint dicke schalchaft, z'eren blint. dicke schalchaft, z'èren blint zungen ougen ôren sint. leider alze frier hüetet wol der drier.

Die wohl nicht unbegründete Annahme, dass Walther mit der schwierigen Aufgabe der Eraie- hung des Sohnes Friedrichs II., des jungen Königs Heinrich, betraut gewesen sei und dadurch Veran- lassung gefunden habe seine pädagogische Thätigkeit zu üben, sei hier nur kurz erwähnt. Auch andere Gedichte scheinen auf dieses Verhältnis Bezug zu nehmen.

Die so weit dargestellten Züge in Walthers geistiger Persönlichkeit tragen ein allgemein mensch- liches Gepräge, nicht das Gepräge einer bestimmten Zeit. In vielen Beziehungen aber zeigt er sich auch als ein Kind seiner Zeit. Seine christliche Frömmigkeit weiss sich in voller Ubereinstimmung mit den damals herrschenden Anschauungen der römisch-katholischen Kirche. Am deutlichsten geht dies hervor aus jenem Leich ¹)(dem einzigen unter Walthers Gedichten), in welchem vollendete Kunst des Versbaus und der Sprache in schönster Weise mit Wahrheit und Innigkeit des religiösen Gefühls verbunden erscheint.(Pf. 80. Si. 116. Wi. 89.) Was er hier zum Lob der Jungfrau Maria sagt, ist ihm ebensowenig etwas Ausserliches als das Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott oder anderen Haupt- stücken des christlichen Glaubens. Das Gedicht enthält das christliche Glaubensbekenntnis zu Vater, Sohn und Geist, das Sündenbekenntnis und die Bitte um Reue und Vergebung; diese Bitte zieht sich durch das ganze Gedicht hindurch und verknüpft die verschiedenen Teile mit einander; sie ist aber nicht nur an Gott und Christus gerichtet, sondern vorzugsweise an Maria. Die Verherrlichung der heiligen Jungfrau erscheint sogar als der Hauptinhalt des Gedichts, ein reicher Bilderschmuck hat dazu die Farben geliehen.

Der Mariendienst steht in engem Zusammenhang mit dem Minnedienst, beide erreichten zu der- selben Zeit ihre höchste Ausbildung, in welcher das Rittertum infolge der Kreuzzüge sich zur Blüte

1) Die mittelhochdeutsche Dichtkunst unterscheidet bekanntlich zwischen Lied, Leich und Spruch. Das Lied besteht aus mehreren gleichen Strophen, der Spruch aus einer Strophe, der Leich aus verschiedenen frei abwech- selnden metrischen Sätzen. Lied und Leich sind zum Vortrag durch Gesang bestimmt.