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wendigkeit wahrer Herzensreue, ohne die keine Sünde vergeben werden kann, hebt er mit ernsten Worten hervor; Wie schlecht besteht der Thor einmal, der nicht um seiner Sünden Zahl im Herzen fühlt der Reue Qual! Nie tilgt der Herr der Sünde Mal, die nicht gereut zu aller Stund' hinab bis auf des Herzens Grund. ¹) Uns allen ist die Lehre kund, dass keine Seele wird gesund, die von der Sünde Schwert ist wund, schliesst sie mit Reue nicht den Bund.(Pf. 80,91. Si. 116,110. Wi. 89,95). Gottes Geist ist es, der in empfänglichen, ihm nicht widerstrebenden Seelen wahre Reue entzündet: Wo er die Reue gerne weiss, macht er die Reue glühend heiss; ein wildes Herz er also zühmt, dass es sich aller Sünde schämt. Uns sei vom Vater, sei vom Sohn der heil'ge Geist geschickt, dass er mit seiner süssen Flut ein dürres Herz erquickt.
Folgen wir dem Dichter noch weiter, wie er sich über die verschiedenen Verhältnisse des mensch- lichen Lebens ausspricht, so werden wir finden, dass sein treffendes Urteil ebenso auf umfassender Welt- und Menschenkenntnis wie auf sittlicher Grundlage beruht. Um das Bild seines Charakters zu vervollständigen, wird es genügen, nur auf einiges hinzuweisen.
Vor allen Dingen empfiehlt Walther das Masshalten(diu mäàze),— ein Begriff, der bei den mittelhochdeutschen Dichtern häufig wiederkehrt. Er warnt davor(Pf. 179. Si. 99,9), sich über die Schranken, welche einem jeden durch das Sittengesetz, durch Alter, ²) Geschlecht und Stand gezogen sind, zu überheben(diu unmãze). Wer in übermütiger Selbstüberhebung mehr sein will, als er ist, wird gedemütigt. ³3)(Pf. 177. Si. 99,17). Doch vor Gott haben Vorzüge des Standes und der Ge- burt keine Geltung, der Tod macht alle Menschen gleich(Pf. 87,10. Si. 12,10).— Wer im Trinken ⁴) Mass zu halten weiss, dem fällt Glück, Heil und Segen(diu sælde) zu, Unmässigkeit schadet an Leib, Gut und Ehre, führt zu Sünde und Schande; wer so trinkt, dass er weder Gott noch sich er- kennt, der bricht Gottes Gebot(Pf. 142. 143. Si. 85. 86.)— Ubermass in Reichtum und Armut ⁵) ist gleich gefährlich, grosser Reichtum reizt den gesinnungslosen Menschen zum UÜbermut und zur Verachtung der Zucht, grosse Armut drückt den Geist nieder.(Pf. 183. Si. 99,25). Daher soll man das Verlangen nach irdischem Gut beschränken, aber auch nicht gleichgültig soll man das, was man besitzt, verachten und verschleudern, man soll sich vor Habsucht ebenso wie vor Verschwendung hüten.(Pf. 123. Si. 64.)— Gegebenes Versprechen muss man erfüllen; daher wird ein besonnener Mann im Versprechen Mass halten und lieber eine Bitte abschlagen, wenn er voraussieht, dass er eine Zusage nicht einlösen kann.(Pf. 178. Si. 100.)— Auf Mannesschönheit Wert zu legen ist verächtlich; Manneswert beruht auf innerer Tüchtigkeit. Dem Manne ziemt es, kühn, milde und beständig(stœte, sich gleich bleibend, treu, zuverlässig, beharrlich im Guten) zu sein. Man muss den Menschen ins Herz sehen, wenn man sie erkennen will. Niemand soll nach der äusseren Farbe loben. 6)(Pf. 122. Si. 51.)— Freundschaft muss durch eigene Tüchtigkeit erworben werden und
¹) Vgl Freidk. 35,8: Swà got die waren riuwe siht, da wirt elliu sünde ein niht. 12: S0 wazzer üf ze berge gaât, sô mac des sünders werden räât: ich mein so'z vliuzet tougen vonme herzen üf zen ougen.
2) Freidk. 52,4. Hànt alte liute jungen muot, die jungen alten, deist niht guot. Singen, springen sol diu jugent, die alten walten alter tugent.
3) Hochmut kommt vor dem Fall. Vgl. Luc. 14,11. 18,14. 1. Pet. 5,5. Jac. 4,6. 4) Dem tôde maneger winket, der àne dürsten trinket. Freidk. 177.
5) Sprüch. 30,8. Armut und Reichtum gieb mir nicht, lass mich aber mein bescheidenes Teil Speise dahin mehmen.
6) Der Schein trügt.


