Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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So sehr im Argen lag die Christenheit wohl nimmer; Die sie belehren sollten, die sind selber noch viel schlimmer. ¹) Es wär zu viel, geschäh von dummen Laien das; Sie sünd'gen ohne Furcht und Scheu, drum trifft sie Gottes Hass. Sie weisen uns zu Gott und sind in Satans Schlingen; Sie sagen uns, die ihren Worten gingen, Nicht ihren Werken nach, die würden sicher dort gedeihn. Die Pfaffen sollten reiner als die Laien sein. Wer die Gottesliebe von der Menschenliebe trennt und in Gott seinen Vater sieht, aber nicht in dem Näüchsten seinen Bruder, der ist kein wahrer Christ(Pf. 87. Si. 12. Wi. 51,106): Wer ohne Scheu und Furcht, o Gott, Will sprechen deine zehn Gebot ²) Und doch sie bricht, dem fehlt die wahre Minne.) Gar mancher dich wohl Vater nennt; Wer mich als Bruder nicht erkennt, Der spricht das heilige Wort aus sünd'gem Sinne. ¹)

Mit Ernst mahnt daher der Dichter an das jüngste Gericht, in welchem jeder selbst für seine Werke einstehen muss, wo er weder Pfand noch Bürgen stellen kann.(Pf. 79,63. 89,5). In schlaffer Trägheit kann niemand dem hohen Ziel sittlicher Vollkommenheit sich nähern, sondern nur durch- die ernste Arbeit der Selbstüberwindung. Wer sich selbst besiegt und alle seine Glieder in steter Zucht zu halten weiss, der gewinnt einen grösseren Sieg als der, welcher Löwen und Riesen bezwingt.) Erborgte Zucht und scheinheiliges Wesen können wohl eine Zeit lang vor den Menschen glänzen, doch der Schein verschwindet bald.(Pf. 181. Si. 99. Wi. 88,97). Bei all diesen strengen Anforde- rungen an das sittliche Streben aber bleibt Selbstüberhebung dem gesunden Sinne Walthers fremd, er ist kein frömmelnder Heuchler, er weiss, dass er von dem hohen Ziel der Vollkommenheit noch- weit entfernt ist, 6) und mit edler Aufrichtigkeit bekennt er, dass er für die reichen Gaben, die Gott ihm verliehen, sich nicht genug dankbar erweise, dass er der wahren Gottes- und Nächstenliebe noch ermangele, dass er das hohe Gebot der Feindesliebe nicht zu erfüllen vermöge, und bittet Gott, dass er seine Sinne berichte und ihm seine Schuld vergebe.(Pf. 137. Si. 75. Wi. 84,1). 7) Die Not-

1) Freidk., S. 69: Die uns guot bilde solten gebn, der velschent vil ir selber lebn.

2) Mth. 7,21. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel.

3) 1. Joh. 5,3. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten.

¹) 1. Joh. 4,20. So jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebet, den er siehet, wie kann er Gott lieben, den er nicht siehet?

5) Herder, die wiedergefundenen Söhme: Tapfer ist der Löwensieger, tapfer ist der Weltbezwinger, tapfrer, wer sich selbst bezwang. Vgl. auch Schillers Kampf mit dem Drachen: Der Pflichten schwerste zu erfüllen, zu bändigen den eignen Willen.

6) Röm. 3,23. Denn es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten. Phil. 3,12. Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei.

7) Wilmanns nennt dieses Gebet nicht sehr fromm. Erkenntnis und Bekenntnis des eignen Abstands von- dem sittlichen Ideal gehört doch zu den ersten Forderungen der christlichen Religion.