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Wenn ein leichterer Sinn sich an der flüchtigen Erscheinung der Dinge und an dem frohen Genuss des Augenblicks genügen lässt, so blickt ein ernsteres Gemüt tiefer, erkennt, dass die Ver- gänglichkeit das Los alles Irdischen ist, und verliert das Bewusstsein von der Unbeständigkeit und Flüchtigkeit des Daseins nie aus dem Auge. Dieses wehmüttige Gefühl hat in der deutschen Dich- tung vielfach Ausdruck gefunden, es ist z. B. der Grundgedanke in Schillers Kassandra ¹) und zieht sich, halb verborgen und doch deutlich vernehmbar, durch das Lied von der Glocke. ²) So geht auch durch Walthers Poesie ein Zug wehmütigen Nachdenkens. Oft erhebt er Klage über die Ver- gänglichkeit alles irdischen Glücks, über den Wankelmut und die Falschheit der Welt, über die un- zertrennliche Verbindung von Freud und Leid. Niemand kann hier Freude finden, sie zergeht wie der lichten Blumen Schein; ³) darum soll sich das Herz nicht mehr nach falschen Freuden sehnen. Die Welt ist von aussen lieblich und einladend, aber innen hohl und leer, schwarz und finster gleich der Farbe des Todes; was sie bietet, kann der Seele keine dauernde Befriedigung gewühren, sie nimmt wieder, was sie gegeben hat, wer ihr folgt, der armet an der Seele. ¹)
Diesen hinfälligen Gaben der Welt gegenüber ist das einzige bleibende Gut, welches dem Men- schen dauerndes Glück, ewiges Heil verleiht, Gottes Huld und Ehre. Ohne sie hat aller irdische Besitz keinen Wert, also dass derjenige, der da weiss, was zu seinem wahren Frieden dient, eher sein irdisches Gut, Leben, Weib und Kind ⁵) hingiebt, als den Besitz der Gnade Gottes.
Von diesen beiden Voraussetzungen aus lüsst sich der Dichter in der sittlichen Beurteilung der Dinge leiten, von hier aus lässt er die Rangordnung seiner Interessen bestimmen. Er sieht es als selbstverständlich an, dass der christliche Glaube sich in einem christlichen Leben bewähre, und beklagt es aufs tiefste, wo beides nicht zusammenstimmt. Christentum und Christenheit,— so sagt er(Pf. 80,123. Si. 116,146. Wi. 89,127) in dem Sinne wie Wort und Werk, Glaube und Leben,— wer diese schnitt zu einem Kleid in gleichem Masse lang und breit wie Lust und Leid, der will auch, dass wir trachten, wie wir in Christo christlich leben; was er zusammen hat gegeben, das sollen wir nicht scheiden; denn wer sich einen Christen heisst und das nicht durch die That erweist, der gleicht wohl halb den Heiden. Das ist unsre grösste Not, das Wort ist ohne Werke tot; nun helf' uns Gott zu beiden.— Der Widerspruch zwischen Glauben und Leben tritt aber am auffallend- sten bei den Vertretern der Kirche hervor, wenn sie, die doch durch das Vorbild eines reinen Lebens- wandels den anderen Christen voranleuchten sollten, noch unheiliger sind als jene. Gegen sie wen- det er sich mit Entrüstung, indem er beklagt, wie viel Schaden durch sie in der Christenheit geschieht. Von ihnen sagt er(Pf. 113. Si. 45. Wi., 83,71):
¹) Wer erfreute sich des Lebens, der in seine Tiefen blickt?
²) Und wie der Klang im Ohr vergehet, der mächtig tönend ihr entschallt, so lehret sie, dass nichts bestehet, dass alles Irdische verhallt.— Vgl. Siegesfest, Str. 13: Rauch ist alles ird'sche Wesen.
3) Vgl. Ps. 90,5. 6: gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blühet und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und verdorret. Ps. 103,15: Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde. Jes. 40,6: Alles Fleisch ist Heu, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
4) Freidanks Bescheidenheit, hrsg. v. W. Grimm, Gött. 1834. S. 32,23: Swie groz der werlde fröude si, da ist doch tôdes vorhte bi.
⁵) Vgl. Luther: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin, sie haben's kein Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.


