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dem Kreuz des sterbenden Erlösers litt. Schon Uhland(Walther v. d. Vogelweide, ein altdeutscher Dichter. Stuttg. u. Tüb. 1822) hat beide Gedichte hervorgehoben, er nennt sie„besonders schön und rührend durch die plosse Darstellung, ohne allen Erguss der Empfindung“, und vergleicht sie mit altdeutschen Gemälden. Und in der That wirken sie durch den episch-ruhigen Ton so plastisch, dass sie an bildliche Darstellungen aus der evangelischen Geschichte erinnern:(Si. 42. 43. Wi. XXIII, 31. 41) ¹) J. Sündhafter Mensch, du sollst der grossen Not gedenken, Die Gott um uns erlitt, und sollst dein Herz in Reue senken. Mit scharfen Dornen ward sein süsser Leib versehret; Noch mannigfalt ward seine Marter an dem Kreuz gemehret; Drei Näügel schlug man ihm durch Füsse und durch Hände. Mariens Schmerz war ohne Mass und Ende, Als sie des Kindes Blut zu beiden Seiten fliessen sah. Leidvoll trauernd sprach vom Kreuze Jesus da: Mutter, deine Schmerzen sind mir ja Ein zweiter Tod; Johannes, du der Lieben Tröstung spende. II Der Blinde ²) sprach zu seinem Knechte: Du sollst kehren Den Speer zu seinem Herzen und der langen Marter wehren. Da wandte man den Speer gegen den Herrn der Erde; Maria vor dem Kreuze stand mit schmerzlicher Geberde; Da verlor sie Farb' und Kraft in bitterlichen Nöten, Als sie so jämmerlich ihr Kind sah töten Und Longin den Speer ihm in die reine Seite stach. Olmmächtig sank sie hin und hörte nicht noch sprach. In diesem Jammer Christi Herz zerbrach; Das Kreuz begann sich da mit seinem süssen Blut zu röten.
Werfen wir nun einen Blick darauf, wie auf dieser religiösen Grundlage sich die Lebensauffassung Walthers gestaltet.„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, das ist das alte und doch nie ver- altende, stets untrügliche Kennzeichen echter Frömmigkeit. Und die Frömmigkeit unseres Dichters besteht diese Probe, sie bewährt sich im Leben und entfaltet sich zu einer tüchtigen Gesinnung, zu einer besonnenen, gesunden Weltanschauung; aus ihr erwächst ein thatkräftiger, ernster Charakter, der christliche Tugend in Wort und Werk nicht nur schätzt, sondern auch zu üben weiss.
Zwei Angelpunkte sind es, zwischen denen sich Walthers sittliche Lebensauffassung bewegt, auf der einen Seite das lebendige Bewusstsein von der Vergänglichkeit des Irdischen, auf der anderen die zuversichtliche Gewissheit, dass Gottes Huld und Ehre das höchste Gut ist, welches den Menschen zu teil werden kann.
¹) Beide Strophen erklärt Wi. aus inneren Gründen für unecht; dass diese inneren Gründe aber nicht zwingend sind, zeigt die Auffassung Uhlands.
²) Dieses ist der nachher genannte Longinus; derselbe lässt wegen seiner Blindheit durch seinen Knecht den Speer ansetzen und vollführt dann selbst den Stoss; die Legende lässt ihn durch das an dem Lanzenschaft herabfliessende Blut geheilt werden.
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