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Du bist zu gross, du bist zu klein, drum ist's misslungen. Thor, der Tag und Nacht durchspäht die Dämmerungen, Will er wissen, was nie ward gepredigt noch gesungen? Denselben Sinn zeigt der Dichter in dem schmucklosen, kindlich frommen Morgengebet, in dem er den Herrn bittet ihn auf allen seinen Wegen in sichere Hut zu nehmen:(Pf. 88. Si. 16. Wi. 51,16.) Mit Segen lass mich heut' erstehn, Herr Gott, in deinem Schutze gehn Und reiten, wohinaus mein Weg sich kehre; Herr Christ, an mir gieb an den Tag, Was deiner Güte Kraft vermag, Und steh mir bei zu deiner Mutter Ehre. Wie ihr der Engel half, der gute, Und dir, der in der Krippe ruhte, Jung als Mensch, als Gott so alt, So schütz auch mich, dass man nicht falsch mich finde Noch gegen deine Liebe kalt. Und ein anderes Gedicht(Si. 198. Wi. XX,34.) ¹) schliesst mit den ernsten Worten: O der du bist Ob allem, was da ist Im Weltvereine, Der durch dich Bestand gewinnt, Verleih mir, Christ, Dass ich in kurzer Frist Dich lieb' und meine Wie dein auserwähltes Kind. Ich war mit sehnden Augen blind, Thörichter als ein Thor gesinnt, Barg sich der Welt auch meiner Sünden Zahl. Ach, mach mich reine, Eh mein Gebeine Sich senken muss in das verlorne Thal.
Dass die christliche Heilslehre dem Dichter nicht als etwas Fremdes gegenübersteht, sondern dass er sie mit der ganzen Wärme seines Herzens in sich aufgenommen hat, zeigt er wie an dieser so an mancher anderen Stelle mit beredten Worten. Hier seien nur zwei auf die Leidensgeschichte sich beziehende Strophen angeführt, welche das Verhältnis Walthers zum Evangelium hinreichend erkennen lassen. Die eine bringt zur Anschauung, wie der Gekreuzigte seine mitfühlende Liebe und Fürsorge für seine Mutter noch in seinem schwersten Leiden bethätigte, die andere, was Maria unter
nisses. Wer die angeführten Stellen mit der Grundsprache vergleichen will, kann sie leicht nachschlagen, sie sind nach den Ausgaben von F. pfeiffer,(deutsche Classiker des Mittelalters, I. Bd. Walther v. d. V. 5. Aufl. hrsgb. v. K. Bartsch, Lpzg. 1877), von K. Simrock(Walther v. d. V. Bonn 1870) und von W. Wilmanns(Walther v. d. V. Ilalle 1869) citiert.
¹) Die Echtheit wird von Wilmanns bezweifelt, von Simrock aufrecht gehalten.


