Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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mehr ihm zugewandt und die noch vor einigen Jahrzehnten begründete Klage, ¹) Deutschland habe seines Sängers vergessen, ist heute nicht mehr berechtigt. Eine Reihe von Bearbeitungen, Ausgaben, Ubersetzungen und Vorträgen bezeugt es uns, dass nicht nur die Vertreter der Wissenschaft, sondern alle Gebildeten ihm am meisten unter den mittelhochdeutschen Dichtern ihr Interesse entgegen- bringen.

Von der vaterländischen Dichtung Walthers aber darf man seine religiöse Dichtung nicht trennen. Wollten wir ihn allein aus seiner freimittigen Sprache, mit der er das Recht des Kaisers gegen den römischen Stuhl vertrat, beurteilen, so würden wir uns ein einseitiges Bild von ihm machen. Aus welcher Gesinnung seine Angriffe gegen das Papsttum hervorgehen, sehen wir erst deutlich, wenn wir die religiöse Seite seiner Dichtung betrachten.

Die kirchlich-religiöse Stellung Walthers, wie sie aus seinen Liedern und Sprüchen zu erkennen ist, neben seiner vaterländischen Dichtung darzulegen und dadurch zu der inneren Kenntnis des Dichters einen Beitrag zu liefern, sei die Aufgabe der folgenden Blütter. ²)

Zur richtigen Beurteilung Walthers ist nachzuweisen, dass er in seinen religiösen Anschauungen nicht nur als ein frommer Christ, sondern auch als ein Kind seiner Zeit und ein treuer Anhänger der Kirche erscheint, dass er aber zugleich auch als echter Dichter mit freiem Blick sich über manche Vorurteile seiner Zeit erhebt und dass seine warme Begeisterung für die Macht und Herrlichkeit des deutschen Kaisertums ihn in den Kampf gegen die Hierarchie trieb, dass dieser Kampf aber nicht gegen die Kirche selbst, sondern nur gegen die Schäden und Missbräuche derselben gerichtet war.

Die Formen, in denen das fromme Gemüt des Menschen sich äussert, sind veränderlich, sie wechseln, wie die Sprachen und Zeiten wechseln. Das Wesen der Frömmigkeit bleibt sich in dem Wandel der Zeiten und Sprachen gleich. Wo das Bedirfnis der Anbetung und die Ahnung des Unendlichen, wo die Sehnsucht der Kreatur nach dem Schöpfer und damit verbunden das Gefühl des Abstands zwischen dem Ewigen und dem Endlichen in reiner Ursprünglichkeit und Wahrheit sich zeigt, da ist die Frömmigkeit ihrem wesentlichen Inhalte nach immer dieselbe, und wo wir einen solchen Ton unverfälschter Anbetung vernehmen, da klingt er, auch wenn Jahrhunderte oder Jahrtausende dazwischen liegen, noch heute in gleichgestimmten Herzen an. Und so zeigt auch Walther eine tiefe, von Herzen kommende Frömmigkeit, wenn er in demütiger Anbetung vor der Unerforschlichkeit des Unendlichen niedersinkt, den keine Glaubenssatzung erreichen, kein menschlicher Verstand, keine scholastische Spitzfindigkeit erklären kann:(Pf. 158. Si. 102. Wi. 92,1.) 3)

0 mücht'ger Gott, dein Wesen ist so hoch und weit, Bedächten wir's, dass wir nicht nutzlos Müh' und Zeit Verlören! Ungemessen ist dir Macht und Ewigkeit.

Ich weiss an mir wohl, dass auch andre viel danach gerungen, Doch immer blieb es unsern Sinnen Unerforschlichkeit.

*) Simrock in der Vorrede zu der ersten Ausgabe seiner Übersetzung.

2) Die nahe liegende Gefahr, hierbei Bekanntes zu wiederholen, wird aufgewogen durch die Hoffnung, dass doch auch bei vielen Lesern die Kenntnis des Dichters durch eine Darlegung an dieser Stelle orweitert werden wird.

3) Der neuhochdeutschen Übertragung liegt die UÜbersetzung von K. Simrock, Gedichte Walthers von der Vogelweide, 6. Aufl. Lpzg, 1876. zu grunde. Obgleich ich wohl weiss, dass jede Übersetzung hinter dem Original zurückbleibt und dass dieses für mittelhochdeutsche Dichtungen noch in viel höherem Grade gilt als für andere Sprachen, so bietet die Anführung in neuhochdeutscher Übertragung hier doch den Vorteil des leichteren Verständ-