Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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Über Walther

Tugent und reine minne, swer die suochen wil, der sol komen in unser lant: da ist wünne vil. lange miteze ich leben dar inne!

Wichtiger als die Kenntnis aller Einzelheiten aus dem Leben eines 1) hters ist der geistige Gehalt seiner Dichtung. Zwar kann jene von grosser Bedeutung dafür sein, dass die Ausbildung seiner Persönlichkeit in ihrem Zusammenhang mit den Einflüssen, die auf ihn wirkten, und mit den Umgebungen, in denen er aufwuchs, erkannt wird, und das volle Verständnis einzelner Gedichte wird häufig erst durch eine genauere Einsicht in die Veranlassung und die näheren Beziehungen desselben erschlossen; aber der geistige Gehalt der Dichtungen ist doch die Hauptsache, ist das, was die Bedeutung des Dichters ausmacht, was ihm Einfluss auf sein Zeitalter und auf die Nachwelt verleiht. So ist es auch der Fall bei Walther von der Vogelweide. Trotz der grossen Sorgfalt, die auf die Erforschung der äusseren Lebensumstände dieses Dichters verwandt worden ist, wird sich doch manches nicht mit voller Gewissheit feststellen lassen. Allein für diese Lücken werden wir reichlich entschädigt durch den Inhalt seiner Gedichte. Diese geben uns ein lebendigeres und voll- ständigeres Bild seiner ganzen Persönlichkeit, als es durch genauere Kenntnis aller Einzelheiten seines Lebens gewonnen werden könnte.

Mit Recht nennen wir Walther den vielseitigsten und geistreichsten aller mittelhochdeutschen Liederdichter. Nicht nur im eigentlichen Minnegesang zeichnet er sich aus, indem er alle Töne desselben anschlägt, von dem zierlichen höfischen Minnelied bis zum volksmässigen, launigen, ja aus- gelassenen Gesang, von feiner Reflexion bis zum begeisterten Preis edler Weiblichkeit, sondern mehr noch übertrifft er seine Zeitgenossen durch Vielseitigkeit in der Wahl seiner Stoffe. Der Minnege- sang füllte ihn nicht aus, sein Herz schlug auch seinem Vaterlande. Für Deutschlands Ehre und für die Macht und Herrlichkeit des deutschen Kaisertums trat er mit Begeisterung ein. Er stand mit Kaisern und Königen in Verkehr, seine Lieder sind an den Höfen der Fürsten und auf den Burgen des Adels gesungen worden, sie sind aus dem öffentlichen Leben heraus entstanden und blieben nicht ohne Einfluss auf die Stimmung der Gemüter. Lebendiger und treuer als in geschicht- lichen Urkunden spiegeln sich die treibenden und bewegenden Kräfte seiner Zeit in seiner Poesie. In wie hohem Ansehen er schon unter seinen Zeitgenossen gestanden hat, bezeugt uns das ehrende Lob Gottfrieds von Strassburg, welcher ihm die Meisterschaft unter den Sängern zugesteht. ¹) Und auch in der Gegenwart hat sich die Liebe und Verehrung des deutschen Volkes wieder mehr und

¹) Vgl. die bekannte Stelle im Tristan v. 4791 ff. der Ausg. v. Bechstein(dt. Class. d. Mittelalters, begr. v. Pfeiffer Bd. VII): Wer leitet nuú die lieben schar? wer wiset diz gesinde? ich wane, ich si wol vinde, diu die baniere füeren sol: ir meisterinne kan ez wol, diu von der Vogelweide.