Aufsatz 
Spectroskopische Untersuchungen / G. Siebert
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

dem Siedepunkt des Quecksilbers, zerfällt diese Verbindung wieder in ihre beiden Bestandtheile. Chlorwasserstoff und Ammoniak vereinigen sich bei gewöhnlicher Temperatur zu Ammoniumchlorid (Salmiak). Diese Verbindung wird aber bei einer Temperatur von 3500 wieder in jene beiden Bestandtheile zerlegt, welche bei dieser Temperatur im Zustande derDissociation neben einander existiren, wie durch die Untersuchungen von Than und Marignac erwiesen ist. Für Chlor- wasserstoff und Ammoniak liegen also die Temperaturen der Vereinigung und des Zerfallens der Verbindung bedeutend weiter auseinander, als für Sauerstoff und Quecksilber, indem die untere Grenze, unterhalb deren eine Vereinigung nicht stattfindet, nicht bekannt ist. Wenn auch viele Verbindungen für die Temperaturen, welche wir künstlich zu erzeugen vermögen, beständig sind, so haben wir durchaus keinen Grund zu der Annahme, dass dieselben nicht durch eine höhere Temperatur ebenfalls eine Spaltung in einfachere Körper, und schliesslich eine Auflösung in die Elemente erleiden könnten.

Für die Frage der Dissociation ist nun in neuerer Zeit das Spectroskop von der grössten Wichtigkeit geworden. Während nemlich die Metalloide ein sogenanntes cannelirtes oder säulen- streifiges Spectrum, die Metalle dagegen ein Linienspectrum liefern, besitzen die Verbindungen zwischen Metallen und Metalloiden ein Spectrum, welches zwischen den beiden genannten Arten einen Uebergang bildet, d. h. theils aus breiten Banden, theils aus scharf begrenzten Linien be- steht. Die der Verbindung angehõrenden Streifen liegen in dem weniger brechbaren Theil, d. h. am rothen Ende des Spectrums, während die dem Metall angehörenden Linien gegen das violette Ende desselben liegen. Eine Steigerung der Temperatur bewirkt nun eine Dissociation der Ver- bindungen und daher ein Verschwinden der Banden und ein Auftreten neuer Linien des Metalls. Wir besitzen daher im Spectroskop ein Mittel, nicht nur um die Anwesenheit eines bestimmten Metalls in einem leuchtenden Körper nachzuweisen, sondern auch annähernd den Grad der Disso- ciation, in welchem es sich befindet und also auch annähernd den Temperaturgrad zu bestimmen, welcher diese Dissociation bewirkt. Bekanntlich hat in der neuesten Zeit Lockyer, einer der hervorragendsten Spectroskopiker der Gegenwart, aus spectroskopischen Untersuchungen der Him- melskörper den Schluss gezogen, dass unsere sogenannten Elemente zusammengesetzte Körper sind, dass namentlich Calcium das Product einer Vereinigung zweier einfacherer Stoffe ist, von denen manche Sterne nur den einen, manche nur den anderen enthalten. Die betreffenden That- sachen werden im Folgenden kurz angeführt werden.

II.

Man hat namentlich zwei Mittel, die Moleküle oder Atome eines Körpers durch Hitze in Schwingung zu versetzen, so dass sie selbständig Licht ausstrahlen und ein Spectrum liefern, nemlich einerseits die Anwendung einer Flamme, andererseits die Anwendung von Plectricität. Zur Erzeugung der Flammenspectra benutzt man bekanntlich am zweckmässigsten die nichtleuch- tende Flamme eines Bunsen'schen Brenners. Um durch Plectricität ein Spectrum zu erzeugen, kann man sich entweder des durch einen starken constanten Strom zwischen Kohlenspitzen er- zeugten Lichtbogens oder des Inductionsfunkens bedienen. Der erstere liefert bekanntlich ein aus- gezeichnetes Mittel zur objectiven Darstellung der Spectra, während der letztere ein sehr bequemes und zweckmässiges Mittel zur directen Beobachtung der Spectra derjenigen Metalle bietet, deren Spectrum nicht durch die Bunsen'sche Flamme hervorgerufen werden kann. Die Hitze und also auch die dissociirende Kraft des Inductionsfunkens hängt wesentlich von der Stärke des Haupt-