Spectroskopische Untersuchungen.
Vom
ordentlichen Lehrer G. Siebert.
I.
Aus den ersten von Bunsen und Kirchhoff angestellten Spectraluntersuchungen, deren Resultate im Jahr 1860 veröffentlicht wurden(Poggendorffs Annalen, Bd. 110), schien hervor- zugehen, dass allen Verbindungen eines Metalls unter allen Umständen ein und dasselbe Spectrum zukomme, d. h. dass die Anzahl und Lage der Linien sowohl von der Temperatur der Flamme, als auch von den mit den Metallen verbundenen Metalloiden unabhängig sei. Weitere Untersuch- ungen indessen, die alsbald theils von den Begründern der Spectralanalyse selbst, theils von an- deren Gelehrten, namentlich von Mitscherlich, Clifton und Roscoe angestellt wurden, führten zu dem Resultat, dass jene Annahme der Uebereinstimmung der Metallspectra keines- wegs begründet ist, dass vielmehr unter gewissen Bedingungen jeder chemischen Verbindung eines Metalls ein eigenthümliches Spectrum zukommt, und dass der Charakter des Spectrums wesentlich von der Temperatur der Flamme abhängig ist, welche zur Verflüchtigung der Sub- stanz dient.
Wenn verschiedene Salze desselben Metalls in ein und derselben Wärmequelle, z. B. in der Flamme eines Bunsen’'schen Brenners dasselbe Spectrum zeigen, so liegt der Grund dieser Er- scheinung in dem Umstand, dass diese Spectra nicht den verschiedenen Salzen, sondern sämmt- lich einer einfacheren Verbindung angehören, welche unter dem Einfluss der zersetzenden Wirkung der Hitze aus den verschiedenen Salzen entsteht. So gehören die Linien der Flammenspectra, wenn man dieselben durch einen Bunsen'schen Brenner erzeugt, höchst wahrscheinlich in den meisten Fällen theils den Oxyden der Metalle, theils den Metallen selbst an. Um die Spectra der unzersetzten Salze zu erhalten, muss eine Flamme benutzt werden, deren Temperatur niedriger ist, als die Temperatur einer Bunsen'schen Flamme.
Durch weitere Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass durch Steigerung der Temperatur, wenn 2z. B. die Flamme des Bunsen'schen Brenners durch den electrischen Funken ersetzt wird, gewisse Linien des Flammenspectrums zum Verschwinden gebracht, andere dagegen hervorgerufen werden können, welche im Flammenspectrum nicht sichtbar sind.
Alle chemischen Verbindungen, die unorganischen ebenso wie die organischen, können nur innerhalb gewisser Temperaturgrenzen bestehen, d. h. es existirt jedenfalls eine obere Grenze der Temperatur, bei welcher dieselben in einfachere Bestandtheile zerfallen. Der Sauerstoff, um ein einfaches Beispiel anzuführen, zeigt bei gewöhnlicher Temperatur nicht die geringste Affinität zum Quecksilber, vereinigt sich aber bei 3000 mit demselben zum Oxyd. Allein bereits bei 360,
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