Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

Daß übrigens der ſtecken bleibende Wagen die im Gewitter ſtill ſtehende Wolke bedeutet, welche dann nach dem Regen(dem Wein, den Lora trinkt) weiter zieht, das ergibt ſich aus: Mannhardt, Mythen 285; Schwartz, 245. Der Wein iſt der Regen, wie der indiſche Soma, mit dem ſich Indra zum Kampfe ſtärkt, der Nectar der griechiſchen, der Meth oder das Bier der germaniſchen Götter; auch die Blumen ſind ein Gewitterſymbol, wie z. B. die der Perſephone, das ſich am Kürzeſten aus dem norddeutſchen Ausdruck erklärt:Dort blüht ein Gewitter auf.

Die Herrn von Lohra hatten im Wappen ein Hirſchgeweih mit einem weißen und einem rothen Horn in weiß und roth carrirtem Felde. Zedler, Lexicon s. v. Daraus ſcheint wenigſtens hervor zu gehen, daß ſich die Familie eine Beziehung zu Lora⸗Holda's heiligem Wolken⸗ und Sonnenhirſch und alſo wol zu dieſer ſelbſt als Geſchlechtsgöttin oder Stammmutter gegeben hat.

Vom Harze.

Von Lehrbach im Harz(es iſt jedenfalls von unſerm Wort, wie bei Kloſter Lorſch ein Bach Lör⸗ oder Lerlenbach heißt) gibt es eine ganze Reihe ſchöner Sagen, die alle die Beziehung auf die entweder genannte oder leicht zu erkennende Holda enthalten. Namentlich in der folgenden iſt zwar die Etymologie nur die kindliche des Volks, aber um ſo beßer zeigt das Ganze, daß der Bach des Dorfes ein Lorenborn(d. h. hier ein bald verſchwindender, bald ſprudelnder, wie der himmliſche Regenborn, ogl. oben Lurejerri) iſt, und das Dorf gewiß wirklich davon den Namen bekommen hat..

Wie das Lehrbach noch nicht geweſen iſt, da iſt einmal ein ſehr reicher Ritter durch das herrliche Lehrbacher Thal geritten, der hat nach Klausthal reiten wollen. Dieſer Reiter iſt aber ſehr weit hergekommen, und ſein Pferd hat vor Durſt nicht mehr von der Stelle gewollt. Da band er ſein Pferd auf die Wieſe dicht über dem Hauſe, worin jetzt der Vorſteher Bode wohnt, damals hat aber da ein Oſteroder Rinderſtall geſtanden. Der Reiter ging, nachdem er ſein Pferd angebunden hatte, zum Berge herunter und wollte für ſein Pferd unten Waßer ſuchen. Wie er hinunter kam, war wegen der langen Hitze kein Fingerhut voll Waßer in dem Bache, er ging ganz hinauf im Bache bis dahin, wo jetzt Haſens Krug ſteht. Wie er nun bis dahin gegangen war und noch kein Waßer gefunden hatte, lief er wider den Berg hinan und ſprach die Worte aus:Ei du verdammter lerer Bach! Unter der Zeit aber hatte die Rinderhirtin ſein ohnmächtiges Pferd in den Rinderſtall gezogen und es da getränkt. Als nun der Reiter da ſein Pferd wider froh wiehern hörte, ging er hin, holte ſein Pferd wider und beſchenkte die Leute hierfür ſo reichlich, daß ſie die Rinder zu hüten nicht mehr nöthig hatten. Die Meiſten aber erzählen ſo, daß die Hirtenfrau im Thale und im Walde umher Kräuter geſucht habe. Sie habe ſich auf des Ritters Pferd geſchwungen, das unbewacht da geſtanden, weil der Ritter Waßer geſucht, und ſei mit ihm nach dem Rinderſtalle gejagt. Das Pferd, das ein Schimmel geweſen, ſei nun zwar trotz des vorgeſchobenen Riegels nicht im Stalle zu halten geweſen, ſondern daraus auf wunderbare Weiſe verſchwunden, aber von dem Gelde, das in dem hinten aufge⸗ ſchnallten Mantelſacke geweſen, ſei Lehrbach erbaut. In das Mühlenthal, welche an das große