Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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Bedarf wol keiner Bemerkung, daß hier deutlich Lora als Holda erſcheint.

Lora, die Göttin der Liebe, gab der Bergfeſte L. den Namen. Ihr war ein großer, ſchauerlicher Wald geweiht. Jünglinge opferten hier einſt der Göttin im Spätjahr die Erſtlinge der Jagd und im Frühjahre Blumenkränze.¹) In der Mitte des Bergs, auf dem man vor⸗ züglich Lora verehrte, entſprang eine Quelle, zu der unglücklich Liebende, beſonders Jungfrauen, denen der Tod ihren Geliehten entriß, wallfahrteten, um hier Vergeßenheit zu trinken. ²) Furchtbar war dieſer heilige Wald den Ungetreuen. So ward einſt ein untreues Mädchen, da es mit ſeinem Buhlen zuſammengekommen war, von Lora durch einen Hirſch aufgeſchreckt, der das Dickicht rauſchend durchbrach. Fliehend betrat es ohne Beſinnung Lora's heiligen Hain. Da erbebte der Berg und die Erde ſpie Flammen aus, welche die Unglücklichen verzehrten.

Von der Bedeutung des Hirſches in der Lorenſage wird noch die Rede ſein; daß das ver⸗ zehrende Feuer eigentlich das Wliſeuer der Unterweltsgöttin Holda ſei, wird man nach dem Früheren annehmen.

Der Heidenbekehrer Bonifazius ſoll mit ſeinen Genoßen auch die in dem Haine der Lora gelegene Ruhensburg zerſtört haben, denn verſchwunden war jetzt Lora's Macht. Folgende Rache erſchöpfte ihre letzten Kräfte. Unweit des Reinhardsberges ereilte ſie Winfried, den Heidenpoſtel, und Wagen und Pferde blieben plötzlich in tiefem Schlamme ſtecken. Und er wäre ſicher von der Erde verſchlungen, hätte ihn nicht das Gebet zu der heiligen Jungfrau gerettet. Zum Andenken dieſer Gefahr errichtete er drei Kreuze, die noch jetzt an dem Orte zu ſehen ſind, wo die Erde ihren Schlund gegen ihn aufthat, und weihtein ſeinem Elende bei Lora's Walde der Maria eine Kapelle. Noch jetzt heißt davon der Ort Elende. Es wird auch erzählt, Elende habe davon den Namen empfangen, daß einſt ein Fuhrmann, welcher Wein geladen hatte, dort feſt gefahren ſei und deßhalb ausgerufen habe:Ach Elend! Darauf ſtand aber eine Jungfrau neben ihm und erbot ſich ihm zu helfen, wenn er ihr einen Trunk Wein reichte. Dazu war er bereit, die Jungfrau aber formte einen Becher aus Blumen, trank daraus und half dem Fuhr⸗ mann. Dieſer nahm den Becher zum Andenken mit. Der Becher aber ward zu Gold, und da⸗ von iſt der heiligen Jungfrau eine Kirche zu Elende gebaut, und Elende war lange Zeit ein be⸗ rühmter Wallfahrtsort. Pröhle, Harzſag. 229.

Offenbar ſind beide Sagen wenig verſchiedne Formen einer und zeigen ſo deutlich, wie ſonſ ſelten, mit naiver Offenheit den Uebergang der heidniſchen Mythe in die chriſtliche Legende. Maria zieht den Wagen heraus, den Lora feſtgehalten, und iin der zweiten Sage eine Jung⸗ frau, von deren Blumengold der h. Jungfrau die Kirche gebaut wird, d. h. urſprünglich, Lora hilft, dann tritt Maria(die ebenſo bei den Chriſten die Jungfrau heißt, wie Holda bei den Heiden) an ihre Stelle, und die Sage drückt ſelbſt dieſen Uebergang dadurch aus, daß die nun als Dämon erſcheinende Göttin das Unglück bringt, aus dem Maria befreit. Dieſe Iden⸗ tität Maria's aber, die ganz gewöhnlich an die Stelle Holdas tritt, mit Lora, beweiſt allein ſchon auch die Lora's mit Holda.

geſch n Wie ſie noch in Heſſen, am Meisner, der Holda dargebracht werden. Landau in den heſſiſch. Jahrb. f. e

¹) Ueber den Vergeßenheitstrank der Wolkengöttin und, daß er dem griechiſchen vexrag(auch im Wort) und nordiſchen minnisöl entſpricht, ſ. Kuhn, Herabkunft des Feuers, 175. 3*