Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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Lehrbacher Thal ſtößt, ſoll auch der Rinderhirt verwieſen ſein, der an dem Raube Theil hatte. Pröhle, Harzſag. 149.

Wenn man weiß, daß in den indogermaniſchen Mythologieen die Wolken Pferde, Kühe, Lämmer u. ſ. w. heißen, und die Gewittererſcheinungen als Raub und Wiedergewinn dieſer Thiere, der Regen als Soma⸗ oder Biertrinken der reitenden, hütenden Götter oder als Tränken ihrer Thiere gefaßt wird, ebenſo aber als Gold erſcheint, ſo iſt der Sinn wenigſtens des Ganzen klar, in's Beſondere aber, daß ein auf dieſe Weiſe in der Mythe erſcheinender und Lehrbach ge⸗ nannter Bach eben wirklich Bach der Lora, der tränkenden Wolkenrinderhirtin bedeute.

In einer andern Lehrbacher Sage kommen in Gold ſich verwandelnde Lörke(wie in Naſſau unter dem Namen Unken) in demſelben Verhältniß zu Holda vor, wie ſo häufig Schlangen und ſeltener Kröten, d. h. ſie bedeuten das Gold des Regens und der Sonne in ſeinem ſcheinbarem Werden aus dem ſchlangengeſtaltigen Blitz. Ich glaube daher, daß auch das Wort Lork von derſelben Wurzel, wie Lora kommt, da dieſe, wie ſich zeigen wird, glänzend, glühend bedeutet und die Feuerflecken des Thieres auf dem dunkeln Grunde ſehr gut bezeichnen würde. Aus. ſeiner Beziehung zur Göttin erklärt ſich wol auch der Aberglaube, daß es vom Feuer nicht be⸗ ſchädigt werde. Seine klagenden Töne mögen mit demHeulen der Holda zuſammen gebracht worden ſein, und es iſt bedeutſam, daß niederſächſiſch lörchen gleich iſt heulen, wie die Holda Haulemutter heißt.

Aus Niederſachſen.

Bei Halberſtadt ſingen die Kinder zum Marienkäfer:

Lurelurelämmken u. ſ. w., Mannhardt, Mythen 244..

Wenn alſo hier der Käfer, der in den meiſten indogermaniſchen Sprachen faſt immer in dem erſten Theil ſeiner zahlreichen Benennungen den Namen Gottes oder eines Gottes, in's Beſondere der Holda oder Maria's trägt, Lurelämmchen heißt, ſo dürfte ſchon daraus allein die Identität Lora's und Holda's vermuthet werden, in Verbindung mit dem Vorgekommnen aber gibt es einen neuen Beweis dafür.

Junfer Lorenz.

In Tangermünde ſind einmal ſehr reiche Leute geweſen, die haben ein einziges Kind ge⸗ habt, ein Mädchen, und haben Lorenz geheißen. Wie es nun einmal an einem Frühlingstage ſo recht ſchönes Wetter war, da iſt die Kleine ganz allein hinausgegangen in den Wald, um Kräuter zu ſuchen. Aber da der Wald gar groß war, hat ſie ſich verlaufen und konnte nimmer wider herausſinden, und wie ſie ſo dachte, daß ſie hier würde verſchmachten müßen, ſetzte ſie ſich hin und fing bitterlich zu weinen an. Sie hatte aber nicht gar lange geſeßen, ſo kam ein großer Hirſch mit gewaltigem Geweihe auf ſie zu, nahm ſie auf den Rücken und führte ſie un⸗ verſehrt nach der Stadt. Dort iſt er dann bis an ſein Lebensende gepflegt worden, und als er tot war, hat man ſein Geweih in der Nicolaikirche aufgehängt und auf demſelben zum An⸗ denken an die wunderbare Errettung das Bild der Junfer Lorenz, aus Holz geſchnitzt, angebracht.