Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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Die Burg Naſſau wurde von den Grafen von Laurenburg gebaut. Die Stelle dazu fanden ſie auf wunderbare Weiſe. Einſt nemlich jagte der Graf einen ſchönen Hirſch und konnte ihn durchaus nicht erreichen, aber er wurde nicht müde ihn zu verfolgen und ließ ſich ſo durch die dichten Wälder an eine faſt unzugängliche Stelle locken, die er noch gar nicht kannte. So⸗ gleich ſah er, daß ſie zum Bau einer Burg überaus günſtig gelegen ſei, und alsbald ließ er da⸗ mit anfangen. So entſtand die eigentliche Stammburg der herzoglichen und königlichen Linie des Hauſes Naſſau. Soll eine dieſer fürſtlichen Perſonen ſterben, ſo läßt ſich im Schloß zu Dillenburg die weiße Frau ſehen. Nach Terxtor's Chronik; von der weißen Frau mündlich.

Von dem Hirſch als Holda's heiligen Thiere in ihrer doppelten Beziehung zu Leben und Tod wird unten die Rede ſein; über weiſende Hirſche vgl. Rochholz, Schweizerſag. II, 194. Die todverkündende weiße Frau der deutſchen Fürſtenhäuſer iſt bekanntlich Holda als Todesgöttin; wenn ſie hier im Hauſe der Herrn von Laurenburg, denen ihr Hirſch die Stelle zur Gründung der neuen und wichtigſten Stammburg zeigt, erſcheint, ſo wird ſie wol Laura genannt worden ſein, wie ſonſt z. B. Berta.

Zu Lorch wurde einſt eine gefangene Jungfrau durch einen kühnen Ritt den ſteilen Felſen hinauf von dem Geliebten aus der Gewalt des Räubers befreit. Das Einzelne übergehe ich, da ich ein anderes Mal davon mit den übrigen Lorcher Sagen zu reden gedenke, es führt aber auf die Brunhildenmythe, wie auch ſchon Andere bemerkt haben, zumal da eine ganze ähnliche Sage von Lora am Harz vorkommt, wovon weiter unten.

Im Lorsbacher Thal, das von Eppſtein über Lorsbach nach dem Main zieht, erhebt ſich neben dem Frauborn ein Felſen, genannt der Walterſtein. So heißt er von einem Ritter Walter; der wurde alt vor der Zeit, weil ſeine Geliebte untreu war, und zuletzt verfiel er in Wahnſinn. So irrte er im Thal umher und kam auf die Spitze des Felſens; in ſeinem Irrſinn ſah er nicht vor ſich, ſtürzte hinunter und blieb tot liegen. Henninger, Naſſau, I, 162, nach Gerning.

Es wird nicht geſagt, was der Frauborn, außer der Nähe, mit der Geſchichte zu thun habe; er zeigt aber in den Namen Frau vorzugsweiſe iſt Holda ſo wie darin Beziehung zu dieſer, daß ſein Waßer für heilkräftig gegen Augenübel gilt.¹) Die Lichtgöttin gibt und nimmt eben auch das Augenlicht. Grimm Mytholog. I, 254; Mannhardt, Mythen 135, 146, 319. Außerdem wird eine an ſich ganz bedeutungsloſe Geſchichte von der Zuſammenkunft zweier Lie⸗

bender an dieſer Quelle erzählt. Ich denke mir alſo, beide Erzählungen gehörten urſprünglich zuſammen, und es ließe ſich dann, beſonders wenn man die Bedeutung des ſo vorkommenden Borns in mehreren Mythen bedenkt, auch hier der Mythus von der Befreiung der Wolkengöttin aus der Gewalt des alten Winter⸗ und Unterweltsgottes beide fallen urſprünglich zuſammen (Schwartz, 13, 66 ff., 124 ff.) den ſie verläßt, wie Proſerpina im Frühjahr den Hades,

¹) Ganz in der Nähe, zu Gimbach, war das Madonnenbild, zu dem, jetzt nach Fiſchbach, beſonders gewall⸗ fahrtet wird, um Heilung von Augenleiden zu erflehen. Mündlich, wie das oben Stehende.