Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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Den Baumnamen Lerche(celtiſch und daher lateiniſch larix, ſ. über die verſchiednen Formen Diefenbach, origin. Europ. 373) ziehe ich zu dieſer Wurzel; ¹) es gehört alſo hierher, was in Tirol von dem Baume geglaubt wird.

Beim Dorfe Nauders findet ſich ein heiliger Baum, der nur ſo genannt, und dem vom Volke heilige Scheu gezollt wird. Dabei ſieht man noch einiges Mauerwerk, das vom heiligen Baumſchloß herrühren ſoll. Der heilige Baum war ein uralter, zwieſeliger Lerchenbaum mit ſchöner, runder Krone. Zerſtümmelt und zerrißen war er in letzter Zeit nur ein Stumpf, der im letzten Winter umgehauen wurde. Der Stock ſteht noch jetzt. Von dieſem Baume wurde und wird theilweiſe noch geglaubt: 1) von ihm werden die Kinder geholt; 2) aus der Nähe wollte man weder Brenn⸗ noch Bauholz nehmen wegen einer heiligen Scheu vor ihm; 3) Lärmen bei ihm hielt man für großen Unfug, Schelten und Streiten für himmelſchreienden Frevel; der Baum blutet, wenn man hinein hackt, und der Hieb geht ſogleich in den Leib des Frevlers, ſeine Wunde heilt nur mit jener. Nicht weit vom Baume werden die Ruinen des heiligen Baumſchloßes gezeigt. Es ſoll in Folge einer Verwünſchung ſammt ſeinen unermeßlichen Schätzen verſunken ſein. Dieſe werden von drei verwünſchten Fräulein bewacht, die nur mit ihrer Hebung erlöſt werden können und oft Erlöſung geſucht, aber nicht gefunden haben. Unter andern erzählt Panzer in den bairiſchen Sagen: Hier wohnten vor Alters drei Jungfrauen, eine halb ſchwarz, halb weiß; im Schloß iſt ein großer Schatz. Als einſt die Jünglinge da das Johannisfeuer angezündet hatten und darüber ſprangen, näherte ſich eine Jungfrau einem von ihnen und hieß ihn folgen. Dort werde ſie als Schlange erſcheinen und dreimal an ihm hinaufkriechen: wenn er ſich nicht fürchte, ſo könne er ſie erlöſen und den Schatz heben. Zweimal hielt es der Burſch aus, bei dem dritten Male ſchauderte es ihn, und Alles verſchwand.(Die Schlangengeſtalt der Jungfrau während der Verwünſchung bezieht ſich zunächſt auf die des böſen Gewitterdämons, in deſſen Gewalt ſie iſt, wird ihr aber ſelbſt um ſo paßender beigelegt, als ja auch die lichte Wolkengöttin, wie Athene, mit dem Blitz(der Schlange) kämpft.)

Auch ſonſt ſpielt die Lerche in Tirol eine große Rolle. Im Gnadenwalde ſteht eine Kapelle, Maria Lerch genannt. An dieſer Stätte ſoll eine uralte Lerche geſtanden haben, die, wie durch einen Zauber, die Vorübergehenden feſt hielt und wunderbar ſäuſelte. Fromme Seelen bauten deßhalb der himmliſchen Frau eine Kapelle dort. Oft ſieht man auf Bildern Maria Lerch. Die Gottesmutter ſitzt in der Krone eines Lerchenbaumes. ²) Im J. 1392 ſchickte die große Frau im Himmel einen dienſtbaren Geiſt auf die Erde. Dieſer ließ ſich an der Stelle, die man die Waldraſt nennt, nieder und ſprach zu einem holen Lerchenſtock:Du ſollſt der Frauen im Himmel Bild fruchten. Da wuchs nun ein Bild im Stock. Unter Lerchenbäumen findet man die Donnerkeile. Wolf: Zeitſchrift f. d. Myth. IV, 33.

Aus der Schweiz.

Im Lauerzer See(am Fuße des Rigi) liegt die Inſel Schwanau. Hier hauſte ein be⸗ rüchtigter Mädchenräuber, der 1308 erſchlagen wurde. Am Jahrestage ſieht man ihn von einer

¹) Er würde alſo denhellen Baum bedeuten, was bekanntlich die Lerche vorzugsweiſe iſt. ²) Maria wird wol an die Stelle der Lora getreten ſein, wie ſo oft an die der Holda.