Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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einerſeits die Sage, daß es einen gewißen Jungbrunnen gebe, der die Kraft habe, Greiſe zu ver⸗ jüngen; andererſeits liegt hier der Urſprung des Glaubens, daß die Kinder aus dem Brunnen kommen. Ebenſo kommen ſie aus dem(Wolken⸗) Berge. Die Mythen ſuchen für ein und den⸗ ſelben Gedanken häufig ganz verſchiedenen Ausdruck. So heißt es denn auch, die Kinder kämen aus einem holen Baume, welcher über einem Brunnen ſich erhebe. Beſonders wird eine Linde dafür ausgegeben, die vorzugsweiſe Holda's Baum iſt. Deßwegen waren mehrere alte Bäume Hollenbäume genannt. Der Baum iſt, wie Berg und Brunnen, ein Abbild der Wolke. Dieſes Symbol findet ſich in uralten Zeiten bei den Indiern und Perſern(Mannhardt, die Götter der deutſch. u. nord. Völker 59), in der Bibel(Schwartz, Myth. 283) bei den Skandinaviern als Welteſche, bei den Griechen und in den Sagen der meiſten indogermaniſchen Völker als drachenbewachter Baum mit Goldäpfeln und beruht auf ganz richtiger Naturanſchauung. Dieſer Wolkenweltbaum wurde aber auch, eben weil er Bild der Wolke, beſonders der Gewitterwolke in ihren manichfaltigen Formen und Be⸗ ziehungen iſt, ebenſo gut Todes⸗, als Lebensbaum und(wegen ſeiner Beziehung zu den Schickſals⸗ göttinnen, die urſprünglich ebenfalls Wolkenfrauen ſind) Gerichtsbaum. So erſcheint denn namentlich die Linde bis auf den heutigen Tag bei uns als Holda's Lebens⸗, Liebes⸗, Gerichts⸗ und Grabesbaum. Als Gerichts⸗ und Grenzbäume werden einzelne vorzugsweiſe Hollenbäume genannt. Aehnliche Symbole des Gewitterhimmels und ſeiner Erſcheinungen ſind Blumen und Früchte.

Frau Holda badet oft(in den Wolkengewäßern und im Regen, dann übertragen) in Flüßen und Seen. In der Gegend des Mains zeigt man noch verſchiedene Badeplätze der Göttin. Oft ſitzt ſie auf Steinen, die Hollenſteine genannt werden, und weint um ihren Gemahl, der ſie ver⸗ laßen hat. So oft und ſo lange hat ſie da geſeßen, daß der Stein von ihrem Sitzen ganz ausgehölt iſt(oder ſo lange geweint, daß er es davon iſt). Am Main hat man Frau Holda häufig im Mondſchein auf einem Felſen geſehen. Hier ſang ſie, während ihr weißes Gewand in's Thal hinableuchtete, ſchöne und liebliche Lieder, die einem Menſchen das Herz im Leibe ſchmelzen machten. Man warnte aber die Kinder im Dorfe, ja nicht darauf zu achten, ſondern mit Herſagung eines Vaterunſers weiter zu gehen, denn ſonſt müße man mit Frau Hulli bis zum jüngſten Tage im Walde herum fahren. Ein Jüngling, der dennoch dem Geſang gelauſcht hatte, wünſchte ſich immer und ewig bei Frau Holda zu ſein und ihrem Liede horchen zu dürfen. Nach drei Tagen ſtarb er und mußte bis zum jüngſten Tage bei ihr bleiben.

Frau Holda ſteht mütterlich dem Gedeihen des Feldes und der Hauswirthſchaft vor, ſie iſt auch Liebesgöttin und zeigt ſich guten Menſchen wohlwollend und ſegnend, böſen ſchrecklich und verderblich.

Kehren wir nun zu den Zeugniſſen von Lora zurück. Im 14. Jahrh. gab es zu Speier ein Haus, dicta Lurlenberg; 1339 wird daſelbſt erwähnt Gotzo dictus Lorlenberg; im 15. Jahrh. zu Neunkirchen ein lurenbrunnen; 1573 kommtunter dem laurbom vor, 1580 laurpronnen zu Gochsheim. Menzel, Odhin, 288 ff., aus Mone, Anzeig. V. 142, 308. Hier beweiſt Lurlenberg das Alter der eben vorkommenden Form, ſo wie, daß der Berg eine gewiße Bedeutung gehabt (vergl. den Namen miles Verhildeburg bei Bodmann, Rheingauiſch. Alterthümer p. 94, wo Holda den Namen gab, wie hier Lora, Grimm, Mythol. I. 263). Die Lorenbrunnen ſtellten ſich den Hollenbrunnen zur Seite, was ſich weiter unten noch gewißer ergeben wird; der Loren⸗