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Es iſt mir alſo gar nicht zweifelhaft, daß ſeit alter Zeit ¹) das Nibelungengold im Rhein unter der Lorelei verſenkt gedacht wurde. Ich glaube daher auch, daß im Nibelungenliede in der Stelle:„er sancte in dô ze Lôche allen in den Rin“ zu leſen iſt:„ze Loôrche“; Lôche hat meines Wißens Niemand erklärt, und wird auch wohl Niemand erklären, Lorch aber iſt der der Lorelei nächſte größere ältere Ort, das Wort iſt Deminutiv von Lora*), und es gibt da eine Sage, die in ihrem Kern der Lorenſage identiſch iſt.—
Der Nibelungenhort Brunhild's iſt aber gleich dem in ſo vielen Sagen vorkommenden Schatz der Erlöſung ſuchenden weißen oder Schlüßel⸗Jungfrauen oder der Holda, und ſie ſelbſt gleich dieſen; d. h. er bedeutet das Gold der als weiße Jungfrau gedachten regenſpendenden Wolke, des Blitzes und der Sonne, der Schlaf(oder Bann) der Jungfrau im Berg iſt das Verbergen des Regens und der Sonne hinter der dunkeln, regenloſen Wolke, ihre Erlöſung die Rückkehr des Sonnenlichtes und der lichten Wolke in oder nach dem Regen, beſonders des Frühlingsgewitters oder des Frühjahrs überhaupt, der ſchatzhütende Drache iſt Symbol des böſen Dämons des Gewitters und Winters, der Befreier iſt die im Gewitter Regen und Licht zurückführende Natur⸗ macht, der Schlüßel oder die Blumen, welche die Schatzgewölbe öffnen, ſind Bilder des Blitzes. Dieſe Bilder, Schatz, Jungfrau, Drache,(verfolgender Feind oder Bewerber), Schlaf(Bann, Trennung oder Untreue des Geliebten), Erlöſung(Rückkehr des Geliebten, Befreiung durch Kampf, Vermählung) gehören in dem die Naturvorgänge vollſtändig darſtellenden Mythus weſentlich zuſammen, ſo daß, wenn ſie einzeln vorkommen, eine Verſtümmlung anzunehmen, wenn ſie aber an demſelben Orte nur in der Erzählung getrennt erſcheinen, ohne Bedenken der Zuſammenhang herzuſtellen iſt. Man wird es daher billigen, daß ich den Nibelungenhort mit der verwünſchten Jungfrau zuſammengebracht habe, denn die Verwünſchung iſt identiſch mit der in No. 3, a. ent⸗ haltenen, aus der Volksſage aufgenommenen Verfolgung der Lora durch den Teufel— dieſer tritt in der chriſtlichen Legende an dir Stelle des böſen Gewitter⸗(Feuer⸗) Gottes, wie St. Georg an die des guten(vrgl. Schwartz, Urſprung der Mythol. 91— 95)— und alſo an der Aechtheit der Angabe von dem Banne nicht zu zweifeln.
Das Geſagte reicht eigentlich ſchon hin, zu beweiſen, daß die Jungfrau von der Lorelei, wie Brunhild und die weißen Frauen, im Grunde Holda iſt, denn dieſer Identität ſteht feſt, da ich aber zeigen will, daß Lora geradezu ein Name oder Beiname Holda's, der Lorenmythus der von Holda und die nicht ausdrücklich als ächt bezeugten Theile obiger Sagen es doch in der That ſind, ſo muß ich noch manches Andre beibringen, und da ich nicht annehmen kann, daß die Leſer alle mit dem Weſen Holda's, wie es nach den Forſchungen von Grimm, Kuhn,
¹) Gewiß früher, als das Nibelungenlied ſeine jetzige Geſtalt erhielt. Denn daß die Brunhildenſage am Mittelrhein recht eigentlich heimiſch war, beweiſen die in Naſſau ſeit etwa 800 erwähnten Brunhildenſteine(mit der weißen Frau), und daß ein Skandinavier im 12. Jahrh. den Schauplatz des Eddiſchen Drachenkampfes Si⸗ gurd's in die Gegend zwiſchen Mainz und Paderborn, alſo die Burg der Brunhild, die nach der Edda ſüdlich da⸗ von lag, in unſre Nähe, etwa auf dem Feldberg mit ſeinew Brunhildenbett verlegte.— Grimm, Heldenſage 41.
¹) 832 heißt der Ort Lorecho. Vogel, Naſſau p. 151.— Als urſprünglichen Perſonennamen zeigt ſich die Form auch in dem nahen Lorchhauſen; Perſonennamen ſind aber nicht ſelten Ortsnamen geworden.(Wie z. B. unſer Strinz als Perſonennamen in Dronke, Traditiones, Fuldenses vorkommt.—) Dieſe Ortsnamen ſind übrigens in Naſſau häufig; Förſtemann im Namenbuch weiß ſie nicht zu erklären, er ſchließt auf Perſonennamen, von denen er nur Spuren nachweiſt, ebenfalls ohne Erklärung. Aus dem Folgenden wird ſie ſich wol ergeben.—


