Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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Ich ſelbſt muß drin verderben, Das Herz thut mir ſo weh, Vor Schmerzen möcht' ich ſterben, Wenn ich mein Bildniß ſeh'.

Drum laßt mein Recht mich finden, Mich ſterben, wie ein Chriſt, Denn Alles muß verſchwinden, Weil er nicht bei mir iſt.

Drei Ritter läßt er holen: Bringt ſie in's Kloſter hin; Geh, Lore, Gott befohlen Sei dein bethörter Sinn!

Du ſollſt ein Nönnchen werden, Ein Nönnche ſchwarz und weiß, Bereite dich auf Erden Zu deiner Himmelsreiſ'.

In's Kloſter ſie nun ritten, Die Ritter alle drei,

Und dann ins Kloſter gehen Und Gottes Jungfrau ſein!

Der Felſen iſt ſo jähe, So ſteil iſt ſeine Wand, Doch klimmt ſie in die Höhe, Bis daß ſie oben ſtand.

Die Jungfrau ſprach:Da gehet Ein Schifflein auf dem Rhein, Der in dem Schifflein ſtehet, Der ſoll mein Liebſter ſein!

Mein Herz wird mir ſo munter, Es muß mein Liebſter ſein! Da lehnt ſie ſich hinunter Und ſtürzet in den Rhein.

Die Ritter mußten ſterben, Sie konnten nicht hinab, Sie mußten all verderben Ohn' Prieſter und ohn' Grab.

Und traurig in der Mitten Die ſchöne Lorelei. Wer hat dieß Lied geſungen? Ein Schiffer auf dem Rhein, Und immer hat's geklungen Von dem Drerritterſtein:

O Ritter, laßt mich gehen Auf dieſen Felſen groß, Ich will noch einmal ſehen Nach meines Liebſten Schloß.

Ich will noch einmal ſehen Wol in den tiefen Rhein 3 Brentano. ¹)

Lorelei, Lorelei, Lorelei! Als wären's ihrer drei.

Man hat die Aechtheit vorſtehender Sagen, ja die mythiſche Exiſtenz der Lora überhaupt ſo heißt die Jungfrau, Lei bedeutet bekanntlich am Mittelrhein Fels bezweifelt oder geleugnet,*) hauptſächlich auf Brentano's Ausſagen hin, er habe unſere Nr. 7gemacht. Ich glaube aber, die ganze romantiſche Schule hätte, ohne den Stoff vom Volke zu bekommen, eine Ballade von ſolcher Schönheit weder gemacht, noch machen können; ſodann habe ich die weſentlichen Züge all dieſer Sagen, wie ſie ſchon in Nr. 3, a enthalten ſind, und zum Theil Nr. 1 aus dem Volksmunde ſelbſt erhalten; es iſt auch kein Grund an den Angaben Schreiber's, Bechſtein's und Dönniges's, der beſtimmt verſichert, die Hauptſache aus der Volksüberlieferung zu haben, zu zweifeln, wenigſtens nicht mehr, als an der Ausſage Brentano's. Denn wie viel Gewicht darauf zu legen, mag man aus der ähnlichen Bürger's von ſeiner Leonore ſchließen, die, wie man jetzt weiß, Nichts weniger, als ſeine Erfindung iſt. Aus dem Folgenden wird ſich, hoffe ich, das Alter und die Volksthümlichkeit das von mir Aufgenommenen ergeben.

¹) Eine Erzählung der Sage von Weiden in Reumont's Rheinſagen, die im Ganzen mit Nr. 4 überein⸗ ſtimmt, enthält einige ergänzende oder abweichende Züge von Wichtigkeit. Der Kürze wegen kann ich ſie hier nicht mittheilen, werde aber darauf zurückkommen.

*) Alles bisher darüber Geſagte ſteht bei Kaufmann, Quellenangaben zu Simrock's Rheinſagen, p. 85.