Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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I.

Bei St. Goar am Rheine Da darf kein Nachen gehn; Des Abends auf dem Felſen Da ſingt die Lore ſo ſchön.

Der Pfalzgrafſohn bergüber Tritt aus dem Wald hervor, Ermüdet von dem Jagen, Klingt ihm das Lied an's Ohr.

Der wilde Fels erſtarret Und hört den Tönen zu, Seit hunderttauſend Jahren Schläft er beim Lied in Ruh'.

Der alte Rhein hört ſtaunend Das Mädchen und wacht auf; Er träumt von ſeiner Jugend Und richtet bergan den Lauf.

Die Sonne küßt den Felſen Und weilt im letzten Schein; Der Mond ſteigt über die Berge Und ſchaut in's Thal hinein.

Der Pfalzgrafſohn ſteigt nieder Zum reißend wilden Fluß. In Wahnſinn möcht' ich vergehen Bei deinem Gruß und Kuß.

Und als er kam hernieder Zu des ſchäumenden Rheines Strand, Da mußt' er hinüberſchauen Zum Felſen unverwandt.

Da mußt' er hinüberſchauen Zum Gipfel, wo ſie war Und ſang und kämmt' im Abendroth Ihr langes goldnes Har.

Erſt, als die Nacht gekommen, Da wacht er wieder auf: Wo biſt du, ſchöne Säng'rin? Ich muß zum Fels hinauf.

II.

Des andern Tags am Abend ſpät, Bevor die Lore ſang, Der Pfalzgrafſohn am Ufer geht Den wilden Rhein entlang.

Wie komm' ich hin zur Lorelei? O Fiſcher, löſ' den Kahn, Was auch für Preis gefordert ſei, Leg' dort beim Felſen an!

Herr Pfalzgrafſohn, das kann ich nicht, Bald ſingt die Lore ſchön,

Dann ſchäumt der Rhein, das Ruder bricht, Es iſt um uns geſchehn.

Und wenn du mich nicht fahren willſt, So laß mir deinen Kahn, Und wenn du mich nicht fahren willſt, Leg' ich beim Felſen an.

Der Junker ſpringt zum Kahn hinein Und fährt den Rhein hinab. O weh, Herr Junker, laßt es ſein, Ihr fahrt in's Waßergrab.

Der Pfalzgrafſohn fährt immer zu, Da kommt der Fels hervor. Er rudert fort ohn' Raſt und Ruh', Da ſteigt der Mond empor'.

Da blickt die Sonn' im letzten Glanz, Der dunkle Felſen winkt, Der Rhein beginnt den Wellentanz, Die ſchöne Lore ſingt.

Die Lore ſingt, das Waßer ſchäumt Im ſtrudelnden Kreiſeslauf; Der Pfalzgrafſohn blickt ſtarr und träumt Und blickt zum Fels hinauf.

Der Mond erbleicht, der Rhein erwacht, Die ſchöne Lore ſingt, Der Kahn ſtößt auf den Grund mit Macht, Der Pfalzgrafſohn ertrinkt.

Da ſchweigt die ſchöne Lore ſtill, Neigt ſich vom Fels herab. Ich liebte dich ſchon lang und will Zu dir in's naße Grab.