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mand hatte noch die Jungfrau in der Nähe geſchaut, als einige junge Fiſcher; zu dieſen geſellte ſie ſich bisweilen im letzten Abendroth und zeigte ihnen die Stellen, wo ſie ihr Netz auswerfen ſollten, und jedesmal, wenn ſie den Nath der Jungfrau befolgten, thaten ſie einen reichlichen Fang. Die Jünglinge erzählten nun, wo ſie hinkamen, von der Huld und Schönheit der Unbe⸗ kannten, und die Geſchichte verbreitete ſich im ganzen Land umher. Ein Sohn des Pfalzgrafen, der damals in der Gegend ſein Hoflager hatte, hörte die wundervolle Mär, und ſein Herz ent⸗ brannte in Liebe zu der Jungfrau. Unter dem Vorwande auf die Jagd zu gehen, nahm er den Weg nach Weſel, ſetzte ſich dort auf einen Nachen und ließ ſich ſtromabwärts fahren. Die Sonne war eben untergegangen, und die erſten Sterne traten am Himmel hervor, als ſich das Fahrzeug der Lorelei näherte.„Seht ihr ſie dort, die verwünſchte Zauberin, denn das iſt ſie gewiß,“ riefen die Schiffer. Der Jüngling hatte ſie aber bereits erblickt, wie ſie, am Abhang des Felſen⸗ bergs, nicht weit vom Strome ſaß und einen Kranz für ihre goldenen Locken band. Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald ſeiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nöthigte die Schiffer am Fels anzufahren, und noch einige Schritte davon, wollt' er ans Land ſpringen, aber er nahm den Sprung zu kurz und verſank in den Strom, deſſen ſchäumende Wogen ſchauer⸗ lich über ihm zuſammenſchlugen. 4.
Die Nachricht von dieſem traurigen Begebniß kam ſchnell zu den Ohren des Pfalzgrafen, der auf der Stelle den ſtrengſten Befehl ertheilte, ihm die Unholdin lebendig oder tot zu liefern. Einer ſeiner Hanptleute übernahm es, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen, doch bat er ſich's aus, die Hexe ohne Weiteres in den Rhein ſtürzen zu dürfen, damit ſie ſich nicht wieder durch ruchloſe Künſte aus Kerker und Banden befreie. Der Pfalzgraf war dieß zufrieden, und der Hauptmann zog gegen Abend aus und umſtellte mit ſeinen Reiſigen den Berg in einem Halbkreiſe vom Rhein aus. Er ſelbſt nahm drei der Beherzteſten aus ſeiner Schar und ſtieg die Lurlei hinan. Die Jungfrau ſaß oben auf der Spitze und hielt eine Schnur von Bernſtein in der Hand. Sie ſah die Männer von fern kommen und rief ihnen zu, was ſie hier ſuchten.„Dich, Zauberin,“ antwortete der Hauptmann.„Du ſollſt einen Sprung in den Rhein da hinunter machen.“„Ei,“ ſagte die Jungfrau lachend,„der Rhein mag mich holen.“ Bei dieſen Worten warf ſie die Bernſteinſchnur in den Strom hinab und ſang mit ſchauerlichem Ton:
Vater, geſchwind, geſchwind, Die weißen Roſſe ſchick deinem Kind, Es will reiten mit Wogen und Wind.
Urplötzlich rauſchte ein Sturm daher, der Rhein erbrauſte, daß weitum Ufer und Höhen mit weißem Giſcht bedeckt wurden; zwei Wellen, die faſt die Geſtalt von zwei Roſſen hatten, flogen mit Blitzesſchnelle aus der Tiefe auf die Kuppe des Felſens und trugen die Jungfrau hinab in die Tiefe des Stromes, wo ſie verſchwand. Jetzt erkannten der Hauptmann und ſeine Knechte, daß die Jungfrau eine Undine ſei, und menſchliche Gewalt ihr Nichts anhaben könne. Sie kehrten mit der Nachricht zu dem Pfalzgrafen zurück und fanden dort mit Erſtaunen den tot geglaubten Sohn, den eine Welle an's Ufer getragen hatte.
Die Lurleijungfrau ließ ſich von der Zeit an nicht wieder hören, ob ſie gleich noch ferner den Berg bewohnte und die Vorüberſchiffenden durch das laute Nachäffen ihrer Rede neckte. ¹)
¹) Schreiber, Sagen aus den Gegenden des Rheins, n. 16. . 9 1*½


