Aufsatz 
Die Lorelei / von Adolf Seyberth
Entstehung
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2. 2

Es iſt ſchon ſpät, es wird ſchon kalt; So reich geſchmückt iſt Roß und Weib, Was reiteſt du einſam durch den Wald? So wunderſchön der junge Leib

Der Wald iſt lang, du biſt allein, Jetzt kenn' ich dich, Gott ſteh' mir bei! Du ſchöne Braut, ich führ' dich heim. Du biſt die Hexe Lorelei.

Groß iſt der Männer Trug und Liſt,Du kennſt mich wol, vom hohen Stein Von Schmerz mein Herz gebrochen iſt; Schaut ſtill mein Schloß tief in den Rhein; Wol irrt das Waldhorn her und hin, Es iſt ſchon ſpät, es wird ſchon kalt,

O flieh, du weißt nicht, wer ich bin. Kannſt nimmermehr aus dieſem Wald. . Eichendorf. 3.

a) Der Teufel liebte die Lora, aber ſie wollte Nichts von ihm wißen; da legte er Hand an ſie und drückte ſie mit ſolcher Gewalt an den Felſen, daß dieſer nachgab, und man noch dieſe Vertiefung in Form eines Beckens ſieht. Der heilige Georg befreite ſie aber. ¹)

b) Einſt ſchiffte der Teufel auf dem Rhein und kam zwiſchen die Lurleifelſen; der Paß ſchien ihm zu eng, er wollte ihn weit haben und den gegenüberliegenden Felſencoloß entweder von der Stelle rücken oder in ſolche Brocken brechen, daß ſie den Strom ganz ſperren und un⸗ ſchiffbar machen ſollten. Da ſtemmte er nun ſeinen Rücken an den Lurleifels und hob und ſchob und rüttelte am Berg gegenüber. Schon begann dieſer zu wanken, da ſang die Lurlei. Der Teufel hörte den Geſang, und es wurde ihm ſeltſam zu Muthe. Er hielt inne mit ſeiner Arbeit und hielt es faſt nicht länger aus. Gern hätte er ſich ſelbſt die Lurlei zum Liebchen erkoren und geholt, aber er hatte keine Macht über ſie, wurde aber von Liebe ſo heiß, daß er dampfte. Als der Lurlei Lied ſchwieg, eilte der Teufel von dannen; er hatte ſchon gedacht, an den Fels gebannt bleiben zu müßen. Aber als er hinweg war, da zeigte ſich, o Wunder, ſeine ganze Geſtalt, den Schwanz nicht ausgenommen, in die Felswand ſchwarz eingebrannt, womit er ſein Andenken bei der Lurlei verewigte. Nachher hat ſich der Teufel ſehr gehütet, der Sirene des Rheins wieder nahe zu kommen, und hat gefürchtet, wenn er von ihr abermals gefeßelt werde, in ſeinen Ge⸗ ſchäften große Unordnung und Unterbrechung zu leiden. Die Lurlei aber ſingt immer noch in ruhigen, ſtillen Mondnächten, erſcheint immer noch auf dem Felſengipfel, harrt immer noch auf Erlöſung. ²)

4.

In alten Zeiten ließ ſich manchmal auf der Lorelei um die Abenddämmerung eine Jungfrau ſehen, die mit ſo anmuthiger Stimme ſang, daß Alle, die es hörten, davon bezaubert waren. Viele, die vorüber ſchifften, gingen am Felſenriff oder im Strudel zu Grund, weil ſie nicht mehr auf den Lauf des Fahrzeugs achteten, ſondern von den himmliſchen Tönen der Jungfrau gleichſam vom Leben abgelöſt wurden, wie das zarte Leben der Blume ſich im ſüßen Duft verhaucht. Nie⸗

¹) Mündlich. ¹*) Bechſtein a. a. O.