Die Tarelei.
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Sie wußte die ſchönſten Sagen, und wenn ſie mit der weißen Hand
zum Fenſter hinaus zeigte nach den Bergen, wo Alles paſſirt war,
ſo wurde mir ordentlich verzaubert zu Muth, die Lorelei ſtand wieder
auf der Bergesſpitze und ſang hinab ihr ſüß verderbliches Lied.— Heine.
1.
Unter der Lorelei liegt im Rhein der Nibelungenhort,¹) und in den Felſen iſt eine ſchöne Jungfrau gebannt. Einige ſagen, ſie war ein Fiſchermädchen und hatte einen Bräutigam, den liebte ſie über die Maßen. Er ward ihr aber untreu und verließ ſie; da grämte und härmte ſie ſich erſt lang ab, und als er gar nicht wider kam, war es aus mit ihr, und ſie ſtürzte ſich in den Rhein. Seitdem iſt ſie in den Stein gebannt, aber immer weint und klagt ſie noch mit traurigen Liedern. Oft erſcheint ſie den Schiffern, ſtrählt mit goldnem Kamme ihr langes, flachſenes Har und ſingt dazu ein ſüß bethörendes Lied; mancher, der ſich davon locken ließ, der den Fels er⸗ klimmen wollte, fand ſeinen Tod in den Wellenwirbeln. Wer ſie ſieht, wer ihr Lied hört, dem wird das Herz aus dem Buſen gezogen. Hoch oben auf ihres Felſens höchſter Spitze ſteht ſie, im weißen Kleide, mit fliegendem Schleier, mit wehendem Har, mit winkenden Armen. Keiner aber kommt ihr nahe, wenn auch einer den Felsgipfel erſtiege, ſie weicht vor ihm, ſie ſchwebt zurück, ſie lockt ihn durch ihre zaubervolle Schönheit bis an des Abgrundes jähen Rand, er ſieht nur ſie, er glaubt ſie vor ſich auf feſtem Boden und ſtürzt hinunter in die Tiefe.*²)— Und ähnlich iſt ſie von Heine geſchildert.
In dem Felſen ſind auch Hölen, Hanſelmannshölen genannt, denn darin wohnen die Hanſelmänner, und von dieſen rührt das berühmte Echo,) das man aber meiſtens für die Stimme der klagenden oder verlockenden Jungfrau hält.
¹) Siehe die Erläuterungen.
*) Bechſtein, deutſches Sagenbuch n. 95; Henninger, Naſſau in ſ. Sagen II. 104 ff. Davon iſt zwar Vieles nicht ächt, aber gewiß das hier Aufgenommene, wie ſich ergeben wird.— Auch kennt das Volk wenigſtens die ſingende„Fei“ jetzt noch.
*) Mündlich. Vergl. die Erläuterungen.


