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recht vorwärts zu kommen.!) Goethe selbst gedenkt des armen Ver- wandten im zweiten Buch von„Wahrheit und Dichtung“:„Sie(die Spielkameraden) hatten die Unverschämtheit, allerlei Argumente vorzu- bringen, zum Beispiel, daß unser Vermögen bloß von der Großmutter herrühre, daß die übrigen Seitenverwandten, die sich in Friedberg und sonst aufhielten, gleichfalls ohne Vermögen seien u. s. w.“ Dieser Friedberger Verwandte, Johann Christian Goethe, starb 1768, zwei Jahre später folgte ihm seine Frau, über das Vermögen wurde Konkurs er- öffnet, und das Haus zum Ritter kam in den Besitz des Prokurators Johann Melchior Dietzsch, der es 1777 an den Rohgerbermeister Johann Georg Steinhäuser verkaufte.
In dem Kaufbrief erscheint Goethes Vater als Mitverkäufer, vielleicht daß er Konkursverwalter gewesen oder einen Teil des Hauses schon vorher erworben hatte. Eine Tochter des Johann Christian Goethe wurde am 30. August 1731 auf den Namen Cornelia getauft, den Namen, den Goethes Schwester trug, ein Zeichen, daß die Friedberger Goethe mit den Frankfurter Verwandten in freundschaftlichem Verkehr standen, woher wären auch sonst Gocethe's Spielgenossen so informiert gewesen über die Vermögensverhältnisse der Friedberger Goethe, wie es aus obiger Stelle sich doch ergiebt.
Herbst 1774 weilte auch Goethe einige Tage in Friedberg, aller- dings nicht dieser Verwandten, sondern Klopstocks wegen:„Klopstock steht hier billig abermals obenan, Ich hatte schon mehrere Briefe mit ihm gewechselt, als er mir anzeigte, daß er nach Carlsruhe zu gehen und daselbst zu wohnen eingeladen sei; er werde zur bestimmten Zeit in Friedberg eintreffen und wünsche, daß ich ihn daselbst abhole. Ich verfehlte nicht zur rechten Stunde mich einzufinden, allein er war auf seinem Wege zufällig aufgehalten worden, und nachdem ich einige Tage vergebens gewartet, kehrte ich nach Hause zurück“.(Wahrheit und Dichtung, Kap. 15.)
Sommer 17690 war Goethe in Marienborn i. d. W. zum Studium der dortigen Herrnhuter Kolonie gewesen; über deren Einfluß auf Goethe („es wäre nur auf sie angekommen, mich zu den Ihrigen zu machen“) vergleiche man den Anfang des 15. Buches von Wahrheit und Dichtung.
Noch ein anderer Anlaß brachte Goethe in Berührung mit der hiesigen Gegend. Das Schloß Ziegenberg gehörte damals dem
¹) Robert Schäfer: Die Verwandten Goethe's in Friedberg in der Wetterau. Ein Beitrag zur Familiengeschichte des Dichters. Darmstädter Zeitung 1882, Nr. 281. Vergl. den sehr fleissigen und anziehenden Aufsatz: Goethe-Erinnerungen in Hessen. Quartalblätter, 1899, 2. Band, Nr. 15, S. 601— 620.


