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„Warum aber heißt die Wiese die Seewiese, da doch kein Seec mehr da iſt, und warum reden wir von Mainzer Tor und Mainzer Tor- anlage, da doch gar kein Tor vorhanden ist und die Straße zunächst nach Frankfurt und nicht nach Mainz führt und doch Mainzerstraße heißt? Warum heißt die Hõöhe der Galgenberg, woher der Turm neben katho- lischen Kirche, warum heißen die zwei neuen Straßen Leonhard- und
Dieffenbachstraße? Da fragt einmal zuhause euere Eltern!“„Herr Pro- fessor, das war ein Mann!“„Wer?“„Der Dieffenbach!“„Ganz recht, aber was für ein Mann?“„Ein gescheiter Mann!“„Schön; aber ich
möchte doch noch mehr von ihm wissen, also fragt einmal zuhause eure Eltern und Großeltern und sagt es mir die nächste Stunde!“
So giebt dieser Unterricht zugleich Gelegenheit Schule und Eltern- haus zu verbinden und mannigfache Anregungen zu geben und zu em- pfangen; Heimatkunde auf dieser Stufe ist der schönste, der familen- hafteſte Unterricht.
Sieht das Kind, daß der Lehrer sich so für das interessiert, was ihm selber das Nächſte iſt, so wächſt in ihm Liebe und Hochschätzung der Heimat; Heimatliebe aber ist der Quellbezirk der Vaterlandsliebe. Vaterlandsliebe, die echte, wahre, geht vom Engen ins Weite; sie ent- sprießt dem kleinen und kleinsten Bezirk, den engen und engſten Ver- bänden: der Gasse, dem Stadtviertel, dem Haus, der Familie.
„Komm nur auf unsere Gasse, da kriegſt du deine Hieb“, so ruft wohl ein Junge im Streit dem andern zu. Hier haben wir in seinen erſten Anfängen das Kraftbewußtsein dessen, der da steht auf vertrautem, heimatlichem Boden, das Eingeſtändnis der Schwäche desjenigen, der losgelöſt iſt von der heimatlichen Scholle, von der Gemeinsamkeit der Kameraden.
Die Gasse, wo der Junge seinen Reif rollte, das Feld wo er seinen Drachen ſteigen ließ, wo er und seine Altersgenossen beim Soldaten- spielen den ersten Sieg davontrugen über die vom Nachbarort oder vom andern Viertel, das sind die Keimgebiete der Heimat- und Nater- landsliebe. An den mancherlei Veranstaltungen des profanen und kirch- lichen Gemeindelebens, woran der junge Bürger so lebhaften Anteil nimmt, wächſt sie empor. Kirchweihe, Jahrmarkt, Erntefeſt, lokale Feier- tage, das sind die Gitter, woran die Heimatliebe emporrankt.
Man kann ja nicht sagen, daß unsere Schulen diesen Quellen der Vaterlandsliebe immer das richtige Verständnis entgegengebracht hätten, wir sind zu wissenschaftlich geworden und zu gebildet und zu wenig natürlich, zu allgemein-abstrakt und zu wenig lokal-konkret, zu sehr Beamte und zu wenig Volksgenossen; wir schaffen, wie O. Willmann so schön sagt, künstliche Wasserleitungen und verschütten lebendige


