Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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Ich war einsmals auff einer Gasterey, und als ich wieder nach Hause gehen wolte, stunde ein junger Phantast bey einem Mägdlein und brauchte unter andern diese Worte:»Allerschönste Jung- frau, indem ich verliere, gewinne ich, und indem ich gewinne, verliere ich. Indem ich verliere, scilicet meine vorige Gesellschaft, gewinne ich eure lüngst erwündschte Gegenwart, und indem ich eure Gegen- wart gewinne, verliere ich meine Libertät. Eure Schönheit, welche weit über den Horizont der Voll- kommenheit gestiegen, hat mein Hertz und Verstand so gefangen, daß, ob ich wol hiebevor die scharffe Pfeile deß Cupidinis verlachet, so muß ich doch jetzo vor dem Altar eurer Extraordinari Qualitäten niederknyen, und euch mein inbrünstiges Hertz in tieffer Demuth auffopffern. Ja, ich schwere euch bei dem höchsten Gott Jupiter, daß der kleine Knabe Cupido mein Hertz dermassen verletzet, daß es mir in meinem Leibe thut, als wolte es Capreol schneiden. O ihr allerschönste Venus, die ihr viel schöner seyd, als die Venus auß Cypern, was vor Superlativos sol ich doch jetzo brauchen, damit ich euch bezeugen könne, wie hoch ich eure perfection venerire? Ach Mademoiselle, die ihr so schön seyd, als unbarmhertzig, und so unbarmhertzig, als schön, ich könte euch billich vergleichen mit dem Käyser Nerone, welcher seine Lust daran hatte, daß er von einem Thurn die Stadt Rom brennen sahe. Denn ihr sehet auch von dem Thurn eurer hohen Meriten brennen nicht allein die Stadt und Vorstadt meines zu gar verliebten Hertzens, sondern auch die Kirche, so ich euch darinn gebauet habe. Es stehet in eurer Macht, mich in dieser Flamme zu salviren. Und warlich, werdet ihr mich in desperation bringen, und werdet euch nicht als eine schöne Rose lassen abbrechen von mir, der ich aus dem fonte nympharum caballino so manchen Trunck hausticôs gethan, so wil ich den Phöbum bitten, daß er euch in eine Distel verwandeln solle, damit ihr endlich den Eseln zur Speise werdet. O ich klage gleichsam die Natur an, daß sie in einen solchen schönen Leib ein so steinernes Hertz gesetzet hat, daß sichs weder mit Thränen oder Seufftzen wil bewegen lassen. Wenn ihr euch nicht über mich erbarmen wollet, so wil ich die Eumenides und die Furias, auch alle Götter und Göttinnen, die nur Rache üben können, bitten, daß sie euch mit gleicher Plage verfolgen sollen.« Ich konte dem Narren nicht länger zuhören, und muste über diese und andere harte Bedrauungen, die er auß dem Amadis hervor brachte, von Hertzen anfangen zu lachen. Ich muß bekennen, daß solche Reden im Frantzösischen nicht uneben klingen. Aber diejenigen, welche dergleichen Bücher ins Teutsche übersetzen, betrachten nicht, daßs die Frantzösische Sprache eine andere Art und Genium habe, als die Teutsche Helden-Sprache.«

Schon 1560 war in Paris zum Besten der Belehrung und Erziehung des Adels ein Auszug aus den vier und zwanzig Büchern des Amadis gedruckt worden, welcher in neuer Auflage unter dem Titel erschien:»Thrésor de tous les livres d'Amadis de Gaule, contenant les harangues, épistres, concions, lettres missives, demandes, responses, répliques, sentences, cartels, complaintes, et autres choses plus excellentes, très-utile pour instruire la noblesse françoise à l'éloquence, vertu, grace et générosité. Dernière édition, rédigée en deux volumes, à Lyon, pour Jean-Anthoine Huguetan, 1606.

Auch dieses Werk sollte den bildungsbedürftigen Deutschen nicht vorenthalten bleiben; es er- schien mit folgendem Titel:»Schatzkammer, Schöner, zierlicher Orationen, Sendbriefen, Gesprächen, Vorträgen, Vermahnungen, vnd dergleichen. Außz den vier vnnd zwentzig Büchern deß Amadis von Pranckreich zusammen gezogen. Vnd allen derselben Liebhabern, vnd sonderlich allen denen so sich Teutscher Sprach Lieblichkeit vnnd Zierd befleissigen zu gutem in Truck gegeben. Mit Röm, Kay. May. Freyheit. Straßburg, In verlegung Lazari Zetzners. M. DO. XII. Die Vorrede des Verlegers preist mit folgenden Worten den erziehlichen und instruktiven Wert des Buches an:

Dem Ehrenvesten vnd Hochgelehrten Herrn Johani Gernando, der Rechten Doctori, vnd Churf. Pfaltz Kammermeistern vnd Rath, etc. Meinem Großgünstigen Herrn.

EHRnvester, Hochgelehrter, E. E. seind mein geflissene, gutwillige Diést, sampt wünschung langwiriger, beständiger guter Leibsgesundtheit, auch aller Wolfahrt, zuvor an. Großgünstiger Herr: Demnach bey den Frantzosen, die Bücher oder Geschichtbeschreibung Amadis de Gaule, wie die von jhnen benannt seind, fürnemlichst darumben hoch geacht, vnnd in sonderm Werth gehalten werden, weil in denselbigé die Frantzösische sprach also zierlich, schön, v auff das beste gebraucht vuũ be- schriebé sey: Also daß auß dené gleich einer brunquellen die gantze Lieblichkeit vnd zierd erwönter sprach geschöpfft vF erlernt werden könne vI möge.

Adlerflychtschule 1886. 7