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AV LECTEVR,
Sonnet.
Benin Lecteur, de iugement pourueu, Quand tu verras l'inuention gentille De cest Auteur: contente toy du stille, Sans t'enquerir, s'il est vray ce qu'as leu.
Qui est celuy, qui peult dire: i'ay veu Blasmer Homere, ou accuser Virgile, Pour n'estre vrays, ainsi que l' Euangile, En escriuant tout ce qu'il leur a pleu?
Quand Apelles nous a paint Jupiter En Cigne blanc, Thoreau, ou autre beste: Des anciens il n'a esté repris.
Doncq' si tu vois en ce liure, imiter L'antiquité, lous T'effort honneste: Car tout bon œuure est digne de bon pris.
So weiß auch Michel Sevin am Schluß des 7. Buches des Amadis sehr richtig die poetische Wahrbeit von der geschichtlichen Wahrheit zu unterscheiden und ihr Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen:
„Pénser ne faut que l'histoire soit vaine De l'Amadis; elle est vraie et certaine; Car sens moral de grande invention
Gist sous la lettre en belle fiction.
Quand il descrit batailles et combats, Alarmes prompts, et martiaux débats,
0 q'uil sqait bien et doctement monstrer Qu'en nul combat il n'est permis entrer, Sinon que soit en bien juste querelle,« etc.
Wir haben uns lange genug bei den Einwürfen und Forderungen der nüchternen Verstündig- keit aufgehalten; stellt man das Recht der Fiktion, der poetischen Erfindung in Frage, so wird damit die Poesie zur bloßen Dekoration herabgewürdigt, sie sinkt zum(oft fadenscheinigen) Prunkmantel herab, welcher einem jeden, wenn auch noch so unpoetischen Vorkommnis umgehängt werden kann, wenn »es nur geschehen ist oder im Alltagsleben hätte geschehen können,« und damit sind wir auf dem Gottsched'schen Standpunkt angelangt.
Wenden wir uns jetzt noch in Kürze den Anklagen zu, welche mit mehr oder weniger Recht gegen die Moral der Amadisromane erhoben wurden. Daß in den vier ersten Teilen derselben nur ge- wisse Stellen zu verurteilen sind, ist schon früher ausgesprochen worden. Wir haben ferner gesehen, dafßs die reformierte Kirche in ihrer sittlichen Strenge diese Unterhaltungsschriften auf den Index setzte.
Ein Mann von der ernsten Lebensanschauung, der entschieden religiösen Richtung und deutschen Gesinnung Friedrichs von Logau konnte selbstverstündlich kein Wohlgefallen an einem ausländischen Buche finden, das zu der Zeit sich selbst überlebt hatte, als»Salomons von Golaw Deutscher Siun-Ge- tichte Drey Tausend(Brekllau 1654) erschienen.
Er und Bucholtz halten den Amadis für ein verwerfliches Buch, das aus der Frauenwelt ver- bannt werden müsse. Es schürfe die Zunge, aber stumpfe die Sinne, verleite zur Leichtfertigkeit und erziehe nur zu gezierten Umgangsformen und einer oberflächlichen, geschwätzigen Lebensart; dies sind noch lange nicht die am schwersten wiegenden unter ihren Vorwürfen. Daß die gebildeten und ton- angebenden Frauen zu Ende des 16. Jahrhunderts nicht dieser Meinung waren, das beweist die An- nahme der Widmung der verschiedenen Bücher des Amadis von seiten so hochstehender Damen, wie die Pfalzgräfin Renata, geborene Prinzessin von Lothringen, die Pfalzgräfin Elisabeth, geborene Herzogin


