Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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dem Zaubertrank einen»widernatürlichen Zustand« herbeizuführen; vielmehr fand das Mittelalter Gefallen an einer solchen märchenhaften Symbolisierung; reden ja auch unsere modernen Dichter immer noch von dem»Liebeszuuber.« Diese Symbolisierung, welche offenbar schon im ursprünglichen keltischen Müärchen vorbanden war und eine kosmische Beziehung hatte, blieb als ein mythisches Residuum in Gottfrieds Gedicht zurück, obgleich die Personen desselben durchaus echt menschliche Wesen geworden waren und menschliche Leidenschaften augenommen hatten. In der altesten deutschen Heldensage wird Sigfrid ebenfalls durch einen Zaubertrank, den ihm Krimhilds Mutter reicht, der Brünhild abtrünnig gemacht und der Krimhild gewonnen, geradeso ein mythischer Zug, der sich im Heldenlied verdunkelt hat, ja aus der späteren Bearbeitung, der Nibelunge Not, geschwunden ist. Wie Gottfried den Zauber- trank als das Symbol der irdischen Liebe, so hielt Wolfkram von Eschenbach den heiligen Gral als das sichtbare und greifbare Symbol aller Wohlfahrt, insonderheit des himmlischen Heiles fest; dieses Symbol war überdies schon lüngst vor ihm der Kern und Mittelpunkt der Dichtung durch die Verschmelzung der Parzivalsage mit der Sage von Artus und der Tafelrunde geworden.

Denken wir uns den Zaubertrank aus Gottfrieds Dichtung weg, so fehlt mit ihm kein wesent- licher Bestandteil derselben; der ganze Roman entwickelt sich geradeso gut auch ohne jenen, und ich kann Hermann Kurtz nur beistimmen, wenn er in der mittelalterlichen Epopöe ein soziales Problem behandelt sieht, das George Sand in einigen ihrer Romane in uhnlicher Weise im Hinblick auf die moderne Gesellschaft zu lösen versucht hat. Erwägen wir unparteiisch die Verhältnisse und gegensei- tigen Beziehungen der Hauptpersonen in Tristan und Isolde, so bleibt überdies noch die Frage offen, auf wessen Seite die eigentliche Schuld zu suchen ist, ob nicht der Winterkönig Marke in seinem greisen- haften Egoismus in dem sittlichen Conflicte das größzere Unrecht begeht, indem er sich zwischen die beiden drängt. Dies deuten die beiden Dichter an, welche nach Gottfrieds Tode dem unvollendeten Bau ein Notdach aufsetzten.»Hätte ich dem Tristan die Isolde zur Gattin gegeben,« läßt der eine der Fortsetzer, Heinrich von Freiberg, Marke an der Bahre der beiden Leichen ausrufen,

»so were ich überich gewesen der sünde und weret ir genesen;«

der andere, Ulrich von Türheim, legt ihm die Worte in den Mund: »min vröude in jamer ist gedigen; ich sihe ze grabe ligen, daz mir nie niht liebes wart.«

Nach Ulrich von Türheim sind sogar Marke's letzte Gedanken der Reue und Buße geweiht:

»Marke was mit vohrten, wenne der tôt keme

und im daz leben næme.

er vastet unde gebette vil: er tet als der ze gnaden wil, swenne er vert von hinnen. ime und in gewinnen

wolt er daz ewige leben.«

Kehren wir noch einmal zu Gottfried zurück und sehen wir zu, wie er selbst den Grundge- danken seiner Dichtung aufgefaßt hat:

»Der werlde und diseme lebene ir lieben tôt, ir leidez leben. enkumt min rede niht ebene: dem lebene si min leben ergeben: ir leben und minez zweigent sich. der werlde wil ich gewerldet wesen, ein ander werlt die meine ich, mit ir verderben oder genesen.

diu sament in einem herzen treit ich bin mit ir biz her beliben

ir süeze sur, ir liebez leit, und han mit ir die tage vertriben, ir herzeliep, ir senede nôt, die mir uf nahegende leben

ir liebez leben, ir leiden tôt lere unt geleite solten geben.