Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33

seiner Art, wenn eine Rittersage aus dem Artuskreise in Nordfrankreich unmittelbar in Prosa zu einem Roman ausgearbeitet worden wäre: die poetische Form dieser Romane ging immer ihrer Auflösung in Prosa voraus. Die alte Handschrift in picardischer Sprache, von welcher de Herberay»quelque reste« gefunden hatte, enthielt zweifellos eine Epopöe in achtsilbigen Reimpaaren, zu welcher ein Trouvéèére der Picardie den Amadis in ühnlicher Weise bearbeitet hatte, wie der Trouvère der Champagne Chrestien de Troyes den»Chevalier au Lion« oder den»Chevalier de la Charrette, wie Luces de Gast den»Roman de Tristan,« etc. Nehmen wir eine Übertragung des nordfranzösischen Amadis durch einen Troubadour in das Provençalische an, und allerdings trägt der Amadis eine Spur des Durchgangs durch die Provence an sich, nämlich der Name Beltenebros, unter welchem er sich(im II. Buche) als Einsiedler ver- virgt, und der provençalisch, nicht spanisch lautet, so haben wir noch ein derartiges Beispiel der Uber- setzung eines Gedichts aus dem Nordfranzösischen ins Provençalische an dem Fierabras, einer Riesen- geschichte aus dem kürlingischen Sagenkreis, die auch später zu einem Roman in Prosa aufgelöst»Le romnant de Fierabras le géant, Genève 1478, gedruckt wurde 1).»Der Amadis in drei Büchern war schon um das Jahr 1350 in Spanien ein allbeliebter Roman,« bemerkt Braunfels, in Prosa, fügen wir ninzu, und diese Umwandlung wird in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stattgefunden haben. Schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war die ritterliche Epik im Abblühen begriffen; man war der poetischen Kunstform überdrüssig geworden ²) und wollte sich nur noch mit dem Stoffe selbst, mit den spannenden, die Phantasie der damaligen Lesewelt angenehm anregenden Abenteuern die Zeit verkürzen, nebenbei sollte auch dem Leser feine Bildung, Briefstil, zierliche Redekunst u. dergl. m. bei- gebracht werden. Dazu war die Bearbeitung des Montalvo ganz angelegt, welcher, wie schon erwähnt, in diesem Sinne die Prosa der von ihm vorgefundenen, aber jetzt nicht mehr vorhandenen ³) drei Bücher des Amadis umgok.

Die Ansprüche der Portugiesen auf den Amadis sind unbegründet. Sie behaupten, die alten Originale desselben rührten von ihrem Landsmann Vasco de Lobeira(gest. 1403) her. Der älteste portugiesische Schriftsteller, der als Zeuge für diesen angeführt wird, ist der Chronist Gomes Eannes de Zurara, welcher noch 1472 portugiesischer Staatsarchivar und Bibliothekar war. Seine Chronica do Conde Dom Pedro de Menezes wurde erst 1792 zu Lissabon gedruckt. Die auf den Amadis bezügliche Stelle, welche dem Lobeira die Autorschaft desselben zuschreibt, ist, wie Dr. Braunfels scharfsinnig im

¹) Deutsch:»Eyn schöne kurtzweilige Histori von eym mächtigen Riesen auß Hispanien Fierrabras ge- nant, der eyn Heyd gewest... newlich aus Frantzösischer sprach in Teutsch gebracht. Siemern, Iheron. Rodler. 1533. 53 Bl. Fol.(Gödeke, Grundr. Bd. I., Buch 4,§ 107. 22.) ¹) Des Strickers Klage, daz seitspil, singen unde sagen sint wôrden widerzæme,«

zu welcher er schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in sterreich Veranlassung fand, ist bei der Schilde- rung des Verfalls des Ritterwesens erwähnt worden. Der Ungenannte, welcher den Tristan in Prosa auflöste(eine Probe aus diesem Prosaroman folgt später), sagt am Schlusse desselben:»Von diser 8 hat von erst ge- schriben ein meister von Brytauia vnd nachmals sein buch gelihen einem mit namen Filhart von Obret(von dem Abschreiber oder Setzer verunstaltet aus:»Eilhart von Oberge,« Dienstmann Heinrichs des Löwen). Der hat es darnach in reymen beschriben. Aber von der leüt wegen die solicher gereimbter bücher nit genad habent... hab ich ongenanter dise hystori in die form gebracht.« 4

³) Das nordfranzösische Gedicht, die provençalische UÜbersetzung desselben(wenn eine solche vorhanden war und die erste prosaische Bearbeitung der drei Bücher des Amadis(die»antiguos originales,« wie Montalvo sie nennt, sind verloren, wie z. B. auch die älteste Bearbeitung des Lanzelot in französischen Versen, welche Maitre Gauthier Map in Prosa auflöste. Die erste Ausgabe dieses Prosaromans wurde 1494 zu Paris gedruckt. War Nordfrankreich an Ritterepopöen überreich, So beschränkt sich die Zahl der provençalischen Dichtungen dieser Gattung auf etwa ein halbes Dutzend, weil die Gefühlsrichtung und der Gedankenkreis der Troubadours wesent- lich zur Lyrik hinneigten. Noch weniger provencalische Prosaromane werden vorhanden sein(eines der wenigen Beispiele ist die»Philomena« aus dem Aufang des 13. Jahrhunderts), weil die allmählich sich steigernde Produktion derselben in eine Zeit fiel, in welcher die litterarische Thätigkeit in der Provence abzusterben begann, wenn sie auch noch einzelne verspätete Blüten trieb, wie den»Roman de Guillen de la Barra« von Arnaud Vidal im Anfang des 14. Jahrhunderts.

Die Hoffnung, welche Eugène Geruzez noch 1861 aussprach, daß man durch die Veröffentlichung von Amadas et Idoine« in diesem Gedicht aus dem 13. Jahrhundert den ursprünglichen versifizierten Amadis kennen lernen werde, hat sich nicht verwirklicht. Der Amadis hat nichts mit»Amadas et Idoine« gemein.

Adlerflychtschule 1886. 5