Zeitgenossen davon verletzt waren, daß der Amadis aus dem Spanischen stammte. beweist die an den Ubersetzer von Joachim du Bellay,(1524— 1560). welcher von seinen Zeitgenossen unter dem Namen „l'Ovide français« gefeiert wurde, gerichtete Ode:
„Ode au seigneur des Essars sur le discours de son Amadis.
Celui qui chanta jadis
En sa langue castillane
Les proesses d'Amadis
Et les beautés d'Oriane,
Par les siècles envieux
D'un sommeil oblivieux
Ja s'en alloit obscurcy, Quand une plume gentile
De ceste fable subtile
Nous a l'obscur eclercy,« etc.
De Herberay stand auch vor keinem Kriminalrichter und hatte kein peinliches Verhör zu be- stehen, daß er sofort hütte bekennen müssen, wo und wann er den Fund gethan. Auch stellt Raynouard ganz ungerechtfertigt den Kriegsmann des 16. Jahrhunderts, welcher nebenbei Schriftsteller ist, auf den Standpunkt des modernen Litteraten, welchem die Gelehrtenwelt es verargen würde, wenn er einen solchen Fund für sich behalten wollte. Hätte man zur Zeit de Herberay's schon einen solchen Wert auf alte Handschriften gelegt, wie zur Zeit Raynouard's, so müßten wir jetzt nicht den Untergang gar manches wertvollen Werkes beklagen, das leider unwiderbringlich verloren ist. Baret kommt jedoch selbst zu dem Schluß(S. 65):»D'ailleurs une erreur de fait empeche d'adopter Pinterprétation in- génieuse de M. Raynouard. D'Herberay dit expressément, dans son épitre dédicatoire de la Chronique de don Flores de Grèce au roi Henri II, qu'il avait entrepris la traduction des Amadis»par ordres« du roi François Ier, et qu'il était sur la fin du huitième livre, lorsque ce prince mourut en 1547.
Baret begnügt sich mit dem wohlfeilen Auskunftsmittel, qalz de Herberay wohl wie so viele andere diesen Kunstgriff(artiſice) angewandt habe, weil auch Montalvo vorgibt,»las Sergas de Esplan- dian« nach einer zu Konstantinopel gefundenen Handschrift verfaßzt zu haben, weil endlich de Herberay selbst behauptet, das Original des Florès de Grèce rühre von einem griechischen Edelmann her. Solche Beispiele stehen allerdings nicht vereinzelt da, denn auch mittelhochdeutsche Dichter beriefen sich auf fingierte Quellen, wie 2. B. Konrad von Stoffel, welcher sich den Stoff zu seiner erzühlenden Dichtung „Gauriel von Muntavel, der Ritter mit dem Bocke,« aus Spanien verschafft haben will. Allein es heikßzt doch das Kind mit dem Bad ausschütten, wenn die genannten Kritiker die Aussage des de Herberay, daß er eine picardische Handschrift des Amadis gefunden und benutzt habe, als eine blanke Aufschneiderei hinstellen ¹).
¹) So verfährt freilich auch Ludwig Ettmüller(Herbstabende und Winternächte II, S. 532) mit Kyot dem»Provenzal,« welchen Wolfram von Eschenbach, ihm vor Chrestien de Troyes den Vorzug gebend, als seinen Hauptgewährsmann für den Stoff des Parzival nennt:„Wolfram ist ein Schalk und Spottvogel. Er hat den Namen des französischen Dichters nicht gekannt, dessen Gedicht er benutzte— und es gibt namenlose Perchevals— aber da sein Werk Geltung erlangen soll, so ersinnt er sich einen Dichter Guiot und zugleich ein mit Händen zu greifen- des Märlein, das er dann auch mit größtem Ernste vorträgt. Wer sich nicht täuschen lassen will, den täuscht er nicht; wer aber getäuscht sein will, für den kann auch die Täuschung nicht dick genug sein.«
Gegen solche allzu skeptische Kritiker und auch gegen Braunfels selbst führe ich folgenden Ausspruch qes letzteren gegen Ferdinand Wolf's Bemerkungen über die„Darstellung der spanischen Litteratur im Mittelalter von Ludwig Clarus« an:„Diese Bemerkungen sind ein neues Beispiel dessen was schon oben über Ticknor gesagt werden mußte: sie zeigen wiederholt wie der gelehrteste Forscher, wenn er an einer einmal geläufigen Voraus- setzung meint festhalten zu müssen, all seine Mühe nur darauf wendet das zum Glaubensartikel zu machen wozu er die Beweismittel nicht beschaffen kann, und wie er den Mangel einer geschichtlich festen Grundlage durch Be- rufung auf die subjektive UÜberzeugung, diesen trügerischen Führer oder Verführer, zu ersetzen sucht.«
Was den Kyot betrifft, so hat es Wackernagel wahrscheinlich gemacht, daß dieser kein anderer als Guiot de Provins, der Verfasser der»Bible Guiot« ist. Dieser von Wackernagel mit triftigen Gründen unterstützten Ver- mutung war auch Bartsch(vergl. Einleitung zum Parzival, S. XXIX.) früher beigetreten, glaubt aber jetzt, durch sprachliche und örtliche Bedenken bewogen, daßz dieselbe nicht mehr aufrecht erhalten werden könne. Wie dem


