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Was die von Baret dem Übersetzer de Herberay vorgeworfene Pedanterie betrifft, so konnte der Stil desselben unmöglich von dem Geschmack des 16. Jahrhunderts und der mehr oder weniger geschickten Handhabung der Sprache. so weit de Herberay deren fähig war, unberührt bleiben, wie man denn überhaupt ein durchaus objektives Verhalten bei den Ubersetzern des 16. und 17. Jahrhunderts nicht finden wird; ich verweise z. B. auf die Übersetzung des Plutarch und der griechischen Romane von Jacques Amyot; auf die Übertragungen griechischer und lateinischer Autoren von Nicolas Perrot d'Ablancourt, welche schon von den Zeitgenossen des letzteren»les belles infidèles« genannt wurden. Haben doch die Franzosen bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, ja selbst bis in unser Jahrhundert hinein nicht unterlassen können, ihre älteren Autoren je nach Zeit und Geschmack zu modernisieren, und selbst ihre Klassiker sind diesem Schicksal nicht entgangen. Erst in unserem Jahrhundert sind un- verfülschte und authentische Ausgaben nach den Handschriften oder, waren keine solche mehr vorhanden, nach alten Drucken veranstaltet worden; so ist bekanntlich erst vor etwa dreißig Jahren eine unver- stümmelte und korrekte Ausgabe der Werke Blaise Pascal's erschienen.
Gehen wir zur»afféterie« über; Chrestien de Troyes, der berühmte Trouvère, ist nicht frei davon, folgende Stelle aus seinem Chevalier de la Charrette(Lancelot du Lac) kommt an Geziertheit ahnlichen Stellen im Adone des Cavaliere Marini gleich:
„»Et Lanceloz jusqu'à l'antrée Des ialz et del'cuer la convoie. Mes as ials fu corte la voie Que trop estoit la chanbre préès: Et il fussent antré après
Molt volentiers, s'il poist estre. Li cuers, que plus est sire et mestre Et de plus grant pooir assez, S'an est outre après li passez, Et li oil sont remes defors, Plein de lermes, avoec le cors.«
Ich verweise ferner, um noch eines von vielen Beispielen hervorzuheben, auf die ungefähr hundert Verse lange affektierte Rede, welche Chrestien de Troyes den lwein auf den Knieen vor Laudine halten läßt.
Baret hätte aber, da es ihm um»die litterarische Wahrheit« zu thun ist, vor allem nicht, aufzer Acht lassen sollen, daßz schon von Anbeginn an die beliebtesten Erzühlungen keltischen Ursprungs ¹) durch arge Verstöße gegen die Sittlichkeit getrübt sind, welche durch die Leichtfertigkeit der fran- zösischen Bearbeiter noch frivoler ausgemalt wurden. Baret beweist daher gerade das Gegenteil dessen was er beabsichtigt; er beweist, daß de Herberay die Wahrheit sagte, daß er aus seiner Quelle gewisse Stellen in dem Roman restituierte, welche der spanischen Gravität nicht zugesagt hatten und von Montalvo weggelassen worden waren. S. 147 preist Baret die moralische Lehrhaftigkeit des Spaniers, nachdem er mehrere längere Stellen aus der Bearbeitung des Amadis von diesem als Belege ausgehoben hat, mit den Worten:»Peu d'exemples, je crois, peuvent donner de notre roman une idée plus favorable, et
IHerberay zuschreibt; Brantôme dagegen erzählt in seinen Memoiren und Biographien mit Gleichgültigkeit, was um ihn vorgeht; anekdotenartig schildert er die Laster und die Tugenden seiner Zeitgenossen, und nun gar mit Rabelais, dem Humoristen und Satiriker, welcher grobkörniges pantagruelisches Salz unter das Mark mischt, das er in sein Buch wie in einen Knochen geborgen zu haben behauptet, hat der Amadis, dem diese Art des Humors durchaus fremd ist, gar nichts gemein.
La Fontaine, der Nachfolger der alten Fabliaux-Dichter und der Bewunderer und Nachahmer Clément Marot's, sympathisierte selbstverständlich mit der Naivetät der altfranzösischen Sprache und der Grazie des »esprit gaulois.»
¹1)»Dans Lancelot da Lac, notamment, il(Arthur) doit céder la première place au courage et à la galanterie d'un des chevaliers qu'il a fait asseoir autour de la Table ronde. Tristan du Leonois condamne au meéme role le roi Marc, époux de la blonde ISeult. Ces deux romans sont loin d'étre édifiants; l'amour y domine, c'est peut-ètre pour cela qu'ils ont eu plus de vogue que les compositions du même cycle auxquelles la pensée religieuse impose une certaine gravité. Tel a été le sort du saint Graal,« etc.(Eugène Geruzez, Histoire
de la littérature française, vol. I, p. 70.)


