26
—
Parzivalsage noch auf Wales und hat ihn noch nicht auf die Provence und Spanien ausgedehnt; von Anjou ist noch nicht die Rede. Geradeso entschieden und deutlich ist Wales die Heimat des Amadis.
Eugèene Baret¹) und Dr. Ludwig Braunfels ²) haben nachgewiesen, daß im Anfang des Amadis, der an die Artussage anknüpft, sich die ganze Handlung nur innerhalb der Grenzen von Wales, Eng- land und Schottland bewegt, daß endlich die ersten Auftritte des Romans sich auf dem Boden von la Pequena Bretana, dem einstigen Gebiete des Königs Artus, folglich nicht der Bretagne, sondern von Cornwall oder einem Teile von Wales abspielen. Gaula ist nicht Frankreich, sondern Wales, oder viel- mehr der südwestliche Teil dieses Landes). Die Städte- und Ländernamen Bristoya(Bristol), Londres, Vindilisora(Windsor), Clara, Guncestre(Gloucester), Gravisanda(Gravesend) Norgales(Northwales) Bangil(Bangor) bezeichnen deutlich genug England; P'Isle Ferme, welche Amadis erobert(Sie heißt so, weil sie einst mit dem Festland durch eine Landenge verbunden war), ist die Insel Man ⁴). Auch einige Personennamen im Amadis sind keltischen Ursprungs, z. B. Lisvart; denselben Namen— Lych-warc'h — führt auch ein bretonischer Barde des 6. Jahrhunderts.
Aber schon im dritten Kapitel des Amadis verliert Gaula die Bedeutung»Wales«, und an Stelle derselben tritt nunmehr die von Gallien, d. h. Frankreich. König Perion, der fortan als König von Frankreich gedacht wird, läßt, um sich einen Traum deuten zu lassen, drei der weisesten Männer seines Reiches berufen,(de Herberay nennt sie»Astrologues«), unter ihnen Alberto de Campania (Albert de Champaigne) und Ungan el Picardo(Vngan le Picard, le plus expert de tous). An die Stelle der in den beiden ersten Kapiteln erwähnten englischen Seehäfen treten französische, freilich mit arger Entstellung der Namen, z. B.»Palingues« für Boulogne, Galfan verdorben aus Calfas für Calais. Es werden vier Tage zu Schiffe gebraucht, um im Hafen Mostrol(verschrieben statt des spanischen Montrol für Montreuil-sur- Mer) Großbritanien gegenüber zu landen. Trotz der verschiedenen schlechten Ab- schreiber(Plos diversos 6 malos escritores«) sind noch Länder- und Ortsnamen zu erkennen, welche Frankreich angehören, wäührend kein einziger portugiesischer oder spanischer Länder- oder Ortsname vor- kommt, ein unumstößlicher Beweis, daß die Ausbildung und Gestaltung des Amadis aus dem ursprüng- lichen keltischen Märchen hat in Frankreich stattfinden müssen, wie dies z. B. mit Iwein durch Chrestien de Troyes geschah, welcher seine Epopöe nach dem Mabinogi»Jarlles y ffymnawn«, d. h. die Herrin von der Quelle, dichtete. Solche Länder- und Ortsnamen sind: Borgoüa(Bourgogne), Normandia, Schloß Valderin(Val-du-Rhin), Serolis oder Serolois(Charolais), Sansuesa, verdorben aus Santuefia(Saintonge) u. S. w.
Baret führt(S. 103) ohne sie zu widerlegen eine falsche Behauptung Panizzis an, der die- selbe durch folgendes Citat aus Southey's Morte Artur, IX, p. 22 zu stützen sucht:»The Gaula of the romance(Amadis) is a very small country; and no French province or city, not even Paris, is ever mentioned; whilst, not only England, Scotland, Cornwall, Ireland, Anglesey, but, Windsor, Gloucester, Bristol and Gravesend often occur in it.«— Dies ist ein augenscheinlicher Irr-
3 ¹) De l'Amadis de Gaule et de son influence sur les moeurs et la littérature au XVIe et au XVIIe siècle, lère édition, Paris, Durand 1853; deuxième édition, Paris, Firmin-Didot freres, fils et Cie 1873.
²) Kritischer Versuch über den Roman Amadis von Gallien. Von Dr. Ludwig Braunfels. Leipzig, Verlag von Otto Wigand 1876.
2) Baret, p. 101 und 102:»En admettant que ce nom de Gaule désignat ici la terre de France, com- ment concevoir que le roi Périon(de Gaule), menacé, allat en personne implorer le secours de l'Ecosse? Rien n'est plus naturel, au contraire, si par Gaule nous entendons le pays de Galles, lequel confine à ce pays.⸗
Panizzi, Orlando innamorato e furioso, I, p. 392:»The wars which are alluded to in this romance
(dom Amadis) are those which raged so long between England and Wales, and which took place in dark and mythical ages. All its heroes are connected either with England, Scotland or Ireland. The Romans and Saxons who are united with the English against the prince of Gaula, are presented under the blackest colours, and the Saxons particularly as traitors according to the custom of British romances.« . ¹) Vergl. Baret S. 101 ff. Herr Dr. Kœrting hätte doch in seiner»Geschichte des französischen Romans im XVII. Jahrhundert« nicht das Lob schmälern sollen, welches Dr. L. Braunfels, sein Hauptgewährsmann, dem Werke von Eugène Baret willig erteilt. Herr Dr. Kœrting glaubt dieses mit den durchaus ungerechtfertigten Worten abfertigen zu können:»Es hält leider nicht, was sein Titel verspricht und gibt nur wenige und minder wichtige Aufschlüsse;« Herr Dr. Kœrting kennt jedoch nur die erste Ausgabe des Baret'schen Buches von 1853; die»deuxième édition, revue, corrigée et augmentée(Firmin-Didot) ist ihmn unbekannt geblieben, denn er hat sie nicht in sein bibliographisches Verzeichnis aufgenommen.


