Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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dem deutschen Reich einverleiben zu wollen, vermochte aber im deutschen Reiche selbst keine Ordnung zu schaffen; die Raubritter erfüllten ihn mit Staunen, ja Bewunderung, aber die von diesen gequälten, um Hilfe flehenden Bürger wies er ab, wie Götz von Berlichingen in seiner Lebensbeschreibung(S. 130 f.) berichtet:»Darauf ihnen der fromm Kayser Maximilian geantwort und gesagt: Heiliger G0TT, heiliger GOtt! was ist das? der ein hat ein Hand, so hat der ander ein Bein, wann sie dann erst wo Hüúnd hätten und zwey Bein, wie wolt ihr dann thun, das war nun uf mich und Hannßen von Selbitz geredt gewest, und hette auch der Kayser, wie ich berichtet, darbey gesagt: Wie gehets zu. wann ein Kauffmann einen Pfeffer-Sack verleuert, so soll man das ganz Reich ufmahnen, und so viel zu schicken haben,« u. s. W.

Keineswegs war die höfische Sitte der ritterlichen Kreise, die konventionelle Wohlanständigkeit der Feudalwelt tiefer gegründet auf Menschlichkeit und Nächstenliebe. In ihrer Abgeschlossenheit be- trachten sich die Adligen als Halbgötter, als die zum Lebensgenusse allein Berechtigten. Für ihr Seelenheil sorgt die Geistlichkeit; die Leibeigenen und Bauern sind ihre Lasttiere, die nach Belieben ausgebeutet werden und von einem menschenwürdigen Dasein ausgeschlossen sind.

Der Bischof Adalbéron erkannte in einem an den König Robert gerichteten lateinischen Gedicht, nur zwei Klassen der Gesellschaft an: die betende Geistlichkeit und die kümpfende Ritterschaft; die arbeitenden Bauern, die Leibeigenen zühlen nicht mit im Staate ¹)

Aber schon seit 997 erhebt unter demselben König Robert der gemeine Mann in der Normandie, dem Geburtslande des Rittertums, den Kopf und fordert sein Recht, die Gleichstellung Aller:

»Nos sumes homes cum il sunt, Toz membres avum cum il unt, At altresi grans cors avum, Et altretant sofrir poum.

Ne nus faut fors cuers sulement, Alium nos par serement,

Nos aveir et nus defendum,

E tuit ensemble nus tenum.

E se nus voilent guerroier, Bien avum, contre un chevalier, Trente ou quarante paisanz Maniables et combatans.*).

Aber ihre Verschwörung ward entdeckt, ihre Anführer wurden von dem Grafen von Evreux und seinen Rittern überfallen und auf das Grausamste gemartert: die einen wurden langsam verbrannt, mit geschmolzenem Blei begossen oder gepfählt, die anderen mit ausgestochenenen Augen, abgehauenen Hunden oder Füßzen heimgeschickt.

Im Jahre 1024 fielen viele Adlige dem Aufstande der Bauern in der Bretagne zum Opfer, aber auch dieser Aufstand wurde mit dem Blute des Landvolks gedümpft.

In der Mitte des 11. Jahrhunderts erhoben sich die Städte, um das Recht der Selbstverwaltung qurch einen von den Bürgern gewählten Magistrat zu erlangen. Le Mans(1066), dann Cambrai(1076) gaben das Zeichen zum Aufstand, in welchem Noyon, Beauvais, Saint-Quentin, Laon, Amiens und Soissons folgten, welche alle ihre Herren zwangen, ihnen das Communalrecht zu verbriefen.

Die Bewegung gegen die vom Adel verübte Bedrückung wurde immer allgemeiner, und Ludwig VI. war politisch genug, die Bauern gegen den gemeinsamen Feind zu unterstützten, indem er die Friedens- vertrüge der Aufständigen mit ihren Lehensherren bestätigte. Aber die blinde Menge befleckte ihre Hunde mit dem Blut des wortbrüchigen Adels, sie hatte keine Einheit, keine gemeinsame einsichtsvolle Führung, jede Landgemeinde, jede Stadt war nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, und so zerriß der

¹) V. Duruy, Histoire de France I, p. 260.

²) Aus dem Roman de Rou oder de Rollon von dem anglo-normännischen Dichter Robert Wace, Kanonikus von Bayeux, gest. gegen 1184 in England.

Adlerflychtschule 1886. 3