Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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»Sus kerte si im den rücke dar, der was in allen enden gar bestecket und behangen

mit ungefüegen slangen,

mit kroten unde nateren;

ir lip was voller blateren

und ungefüeger eizen,« etc.

Wirnt verläßzt Frau und Kinder, nimmt das Kreuz, zieht 1228 gegen die Ungläubigen und stirbt nach steter Buße, denn»der werlte lôn ist jamers vol.« Der Dichter schließt mit der Mahnung:

»Von Wirzeburc ich Kuonrat gibe iu allen disen rat,

daz ir die werlt lazet varn wellet ir die sele bewarn.«

Dies ist nach einem himmelblauen, sonnigen Tage ein trüber, schwermütiger Abend voll dusterer Wolken. Aber auch die komische Seite fehlt nicht; das Ritterwesen hat seine Don Quijote schon im wirklichen Leben, vor der erfundenen Figur des Ritters von der traurigen Gestalt des Cervantes.

Wenn der ritterliche Minnesänger Ulrich von Liechtenstein, der seine poetische Selbstbiographie, den»Frauendienst,« im Jahre 1 255 dichtete, sich in Graz von einem Wundarzt eine dritte Lippe abschneiden läßzt, weil er wegen seines häßlichen Mundes seiner»Herrin« mißfällt, wenn er sich einen Finger abhauen läßt und ihn dieser zuschickt, weil sie ihn der Lüge geziehen hat, als er angeblich diesen Finger um ihretwillen in einem Turnier verloren hatte, so ist dies schon aberwitzig genug. Aber auf dem Gipfel der phantastischen Tollheit ist er angelangt, als er im Winter 1227 als Pilger scheinbar nach Rom wallfahrtet, aber sich in Venedig zwölf Frauenröcke, dreißzig Frauenärmel an feinen Hemden und drei Mäntel von weißem Sammet machen läßtt, einen Frauenrock anzieht und dazu einen mit weißzen Perlen geschmückten Hut und zwei falsche lange Zöpfe, welche mit Perlenschnüren um- wunden sind, bis auf den Gürtel herabhängend trägt, um als Frau Minnegöttin und Königin Venus bis nach Böhmen zu fahren, und seiner»Gebieterin« zu Ehren, welche ihn doch nur verhöhnt und zum besten hat, 307 Speere im Turnier zu verstechen und 271 goldene Ringe den Rittern zu schenken, welche Speere auf ihn verstochen haben. Er hat mit dieser kostspieligen Maskerade nicht genug, ver- kleidet sich als Aussätziger um zu seiner»Herrin« zu gelangen, welche ihn wiederum unfreundlich abweist, und fährt später als König Artus, der aus dem Paradiese kommt, durch das Land, um die Huld einer neuen»Herrin« zu erringen, da ihn die erste gar zu schnöde behandelt hat.

Mit einem Fuß im Mittelalter, mit dem anderen in der Neuzeit stehend, weiß der»letzte Ritter«, Kaiser Maximilian I., sich nicht in seine Zeit zu finden und symbolisiert dies unbewußt, indem er auf dem Turmgeländer des Ulmer Münsters mit einem Fuß stehend, als zweckloses Bravourstück den andern in die Luft streckt, wie er sich denn auch als tollkühner Jäger auf der Martinswand in Tirol versteigt. Er beredet in Ulm die Frauen zu einer neuen Mode und läßt sich in Nürnberg von den Frauen ent- waffnen und gefangen nehmen, um noch einige Tage länger mit ihnen zu tanzen. Ubrigens siegt er auf jedem Turnier, ja er läßt sich 1495 zu Worms in einen Zweikampf mit dem riesenstarken französischen Ritter Barre ein, welchen er zu Boden wirft ¹)) In dem wunderlichen Reimwerk»die geuerlicheiten vnd einsteils der geschichten des lobelichen streitparen vnd hochberümbten helds vnd Ritters herr Tewrdanncks« schildert er mit Hilfe seines Kaplans Melchior Pfinzing seine Abenteuer auf der Brautfahrt zu Ehrenreich(Maria von Burgund), König Ruhmreichs(Karls des Kühnen) Tochter, unter andern, wie ihn der feindlich gesinnte Fürwittig verleitet, die lange Spitze seines Schnabel- schuhs unter den umlaufenden Granitstein in einer Poliermühle zu halten, wie ihn der boshafte Unfalo absichtlich so führt, daß er beinahe in einen tiefen, mit langem Gras überwachsenen Brunnen gefallen wäre, was für Abenteuer und Gefahren er auf seinen Jagden bestehen musste u. dergl. m. Er nahm den abenteuerlichen, für Deutschland so verhängnisvollen Plan der Hohenstaufen wieder auf, Italien

¹) Vergl. W. Menzel, Geschichte der Deutschen, Cap. 357.