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Brackenseil wiederbringe, indem sie den preis ihrer Liebe auf die Erfüllung dieses ihres thörichten Wunsches setzt— sie schickt ihn mit diesem Auftrage in den Tod. Der Ritter muß der Etikette der Zeit gemäß sein Leben zur Befriedigung des kindischsten, launenhaftesten Gelüstes seiner Dame auf das Spiel setzen. Der ehrenhafte Wolfram schildert hier aufrichtig die hohle Konvenien⸗z der adligen Gesellschaft, und schwer, ja allzu hart ist die Buße, welche er in seinem gerechten Sinn die im übrigen so liebenswürdige Sigune sich auferlegen läßt.
Über die Eitelkeit und Unnatur dieses Treibens mußten doch manchem die Augen aufgehen; die Uberspanntheit des ritterlichen Gebahrens mußte in das Gegenteil umschlagen, und es konnte nicht ausbleiben, daßs man die Herrlichkeit dieser Welt, welche man so übermäßig bewundert, so maßlos genossen hatte, als verabscheuungswert, als das Seelenheil geführdend, floh und sich der rettenden Kirche in die Arme warf, und zwar selbstverständlich wiederum im Sinn der Zeit, indem man als geistlicher Ritter durch die Teilnahme an einem Kreuzzuge sich die ewige Seligkeit zu sichern hoffte. Diese Umkehr schildert Konrad von Würzburg(gest. den 31. Aug. 1287) allegorisch-symbolisch in der Erzühlung „»Der Werlte lon« ¹). Erst genießen, dann dafür büßen, nach der Weltfreude sich die himmliche Seligkeit, vor Thorschluß noch erwerben, dies Überspringen von einem Extrem zum andern ist bezeichnend für die Anschauung des Mittelalters. Der edle Herr Wirnt von Gravenberc, ein feingebildeter, in Franken ansässiger Ritter, dichtete in seiner Jugend(zwischen 1201 und 1210) den Wigalois. Zu diesem Rittergedichte nahm er sich die Werke Hartmanns von Aue zum Vorbild und warnte wie dieser vor dem Verliegen:
——»mit gemache niemen mac grôze ere erwerben. von rehte sol er verderben der da heime sich verlit unt sich fzet zaller zit daz sinem libe sanfte si: wan bœser gemach ist eren fri,« etc.
Dem ritterlichen Dichter, der nach der Welt Ruhm und Ehre gestrebt und sie in vollem Maßze genossen hatte, erschien einst eine herrlich gekleidete Frau von wunderbarer Schönheit. Dem Erschrockenen gibt sie kund, daß er ja längst ihr untertänig sei:
„diu Werlt bin geheizen ich,
der du nu lange hast gegert.
loônes solt dúu sin gewert
von mir, als ich dir zeige nu.
hie kume ich dir, daz schouwe du!
¹) Ich kann Scherer nicht beistimmen, wenn er(Gesch. der deutschen Litteratur S. 81) in dieser poetischen Erzählung eine tendenziöse Erfindung der Geistlichkeit sehen will, welche»das ganze hochgesinnte Treiben als schnöden Weltdienst verdammte und dafür die ewige Verdammnis in sichere Aussicht stellte.« Eine Reaction gegen den trügerischen Glanz einer sich in einem hohlen, konventionellen Leben abschließenden Koterie mußte notwendig eintreten. So schroff war jedoch der Gegensat⸗ zwischen Geistlichkeit und Rittertum nicht, wie Scherer es darstellt. Wenn im 13. Jahrhundert die Geistlichkeit gegen die Verweltlichung, ja Verwilderung des Lebens, gegen Roheit und Genußsucht predigte, so entsprach dies ganz der Sachlage. Das Ritterwesen, welches in Deutschland nicht im nationalen Boden wurzelte, sich vielmehr hochmütig vom Volke absonderte, zugleich aber dasselbe selbstsüchtig ausnutzte, entartete immer mehr. Aber gerade die Geistlichkeit war es gewesen, welche im 12. Jahrhundert die Hofpoesie aus dem Lateinischen ins Deutsche überleitete; Geistliche bearbeiteten höfische Dichtungen, wie der Pfaffe Konrad, ein Kaplan Herzogs Heinrich des Stolzen, das Rolandslied, der Pfaffe Lamprecht den Alexander, ein Pfarrer zu Lommis im Thurgau, Ulrich von Zatzikoven,(Zetzikon) den„frivolen Artusroman« Lanzelet u. S. W., während Ritter und Bürgerliche ganz im kirchlichen Sinne Legenden dichteten, wie Heinrich von Veldeke den heil. Servatius, Hartmann von Aue den Gregor vom Stein, Reinbot vom Turn(von Dorn) den heil. Georg, Konrad von Fussesbrunnen die Kindheit Jesu, Rudolf von Ems, Dienstmann zu Montfort, Barlaam und Josaphat, Konrad von Würzburg, ein Bürgerlicher, der Verfasser von»Der Werlte lon«, die Legenden von St. Nikolaus, St. Alexius, St. Silvester, St. Pantaleon, und vor allem sein Meisterwerk zum Lobe der heil. Jungfrau,»die goldene Schmiede,« u. s. w.


