Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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des Getöteten von neuem aus den Todeswunden blutet? ¹) Dies entspricht nicht dem schönen Wahl- spruch, mit welchem Hartmann den Iwein beginnt:

»Swer an rehte güete

wendet sin gemüete,

dem volget sælde unde ere.«

Hartmann, der in Einzelheiten der Schilderung von seinem Vorbild, dem»Chevalier au lion« des Chrestien

de Troyes, abweicht, folgt ihm blindlings in der Erzühlung dieses unnatürlichen Ehebündnisses. Wolfram von Eschenbach empfindet wohl die Schmach einer so treulosen Gesinnung; er erklärt

von der treuen Sigune, welche ihrem im Kampfe gefallenen Schionatulander treu bis in den Tod pleibt:

vouch was froun Luneten rat ninder daâ bi ir gewesen;

diu riet ir frouwen: Lat genesen disen man, der den iweren sluoc: er mag ergetzen iuch genuoc. Sigune gerte ergetzens niht,

als wip, die man bi wanke siht, manege, der ich wil gedagn.

Hœrt mer Sigunen triwe sagn,« etc.

Aber freilich hat auch selbst Sigune ein schweres Unrecht zu büßen. Voll zartester Poesie sind die Minnegespräche, welche Wolfram ihr und ihrem Geliebten in den Mund legt. Allein Schiona- tulander muß mit Gahmuret in das Morgenland ziehen und ihm im Kampfe für Baruch gegen dessen babylonische Brüder beistehen. Ganz der phantastischen Anschauung, der abenteuerlichen Gesinnung der Zeit gemäß erklärt Gahmuret dem jugendlichen Schionatulander:

»Ey kranker knabe, waz waldes e muoz verswinden

uz diner hant mit tjoste, solt du der ducissen minne bevinden! werdiu minne ist teilhaft ordenliche:

sie hat der sælige ellenthaft erworben e der zagehafte riche.«

Gerade so hatte übrigens Sigune, die noch mit Docken(Puppen) spielt, schon den Schionatulander beschieden, solle sie sich ihm zu eigen geben: »du muost mich under schiltlichem dache e gedienen: des wis vor gewarnet.«

Aus dem Morgenlande zurückgekehrt, weilt Schionatulander mit Sigune in einem vor einem Wald aufgeschlagenen Zelte. Er fängt einen Bracken, der ein kostbares Halsband trägt und ein zwölf Klafter langes Seil nach sich schleppt, auf welchem mit aufgenieteten Edelsteinen eine Schrift gebildet ist, und bringt der Sigune diesen Jagdhund. Diese liest die Aventiure auf dem Seil, aber der Bracke reißzt sich los und entführt das Seil mit sich. Sigune welche die auf dem Seil stehende Aventiure zu Ende lesen will, verlangt, daß Schionatulander den Hund wieder einfange und ihr mit demselben das

¹) Osterwald hat zwar in seiner Abhandlung:»Iwein, ein keltischer Frühlingsgott«(Merseburg 1853) den übrigens ziemlich weit zurückliegenden mythischen Hintergrund der Sage nachgewiesen, hier kommt es aber im wesentlichen auf die Behandlung des Stoffes an. Die Strafe, welche den Mörder treffen sollte, gibt schon dem Chrestien de Troyes Veranlassung zu einer frivolen Wendung:

»Bien a venchie, et si ne set,

La dame la mort son seignor;

Vengeance en a prise greignor,

Qu'elle prendre ne l'en séust;

Ja mort prise ne l'en éust:

Et cist cox a plus grant durée

Qui coux de lance ne d'espée;

Cox de lance garist et saine

Des que li mires i mest paine,

Et la plaié d'amor enpire

Quant ele est plus près de son mire.