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Turnier reiten will, hört zuerst die Messe und ist so tief in seine Andacht versunken, denn er war fromm und»moult amoit la Vierge Marie«, daß er das Turnier versüumt. Aber die Himmelskönigin ist unterdessen für ihn auf dem Turnier eingetreten und hat ihm den Sieg über alle seine Gegner errungen. Der Ritter selbst erklärt, daß er nicht dem Turnier beigewohnt habe,
»Mais bien pensoit que la pucelle Qu'en aoroit en la chapelle Avoit pour lui fet ses cembiaux.«
Eine andere Legende erzählt, daß die heilige Jungfrau durch ihren Kuß einen Ritter von einer sünd- lichen Verirrung geheilt habe, u. dergl. m.
Aus diesem ritterlichen Marienkultus ging die Schwärmerei des Frauendienstes hervor, dessen ursprüngliche Heimat die Provence ist, der sich aber rasch über ganz Frankreich verbreitete.
Zwar versuchten höfische Minnesänger den Frauendienst auch in Deutschland einzuführen; er blieb jedoch hier meistens nur auf die Dichtung beschränkt, und, wie aus dieser selbst, z. B. den Liedern Priedrichs von Hausen und verschiedener anderer hervorgeht, widerstand ihm die deutsche Sitte, ja er wurde sogar mit Spott zurückgewiesen, wie es Ulrich von Liechtenstein trotz aller seiner Beharrlichkeit erfahren mußzte. Auch dürfen wir wohl dem Zeugnis eines Dichters wie Walther von der Vogelweide trauen, wenn er singt:
„»Tiuschiu zuht gat vor in allen.« „»Tugent und reine minne, swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant.«
Echt französischen Ursprungs ist die händelsüchtige Unruhe und die nimmer befriedigte Ruhm- begierde der Ritter, die einander durch schier unmögliche Heldenthaten zu überbieten suchen, und die litelkeit der Damen, daßz um ihretwillen von den Rittern die unsinnigsten Abentcuer bestanden werden. Der Ritter soll sich nicht»verliegen«. Hartmann von Aue erzählt, daß Erec glücklich an der Seite seiner Gattin Enite lebte, aber
»die minnet er sô sére,
daz er aller ere
durch si einen verphlac,
und daz er sich sô gar verlac, daz niemen dehein ahte
af in gehaben mahte.«
Dies bekümmert Enite; sie gesteht ihm auf sein Dringen die Ursache ihrer Betrübnis, worauf er allein mit ihr auf Abenteuer auszieht, ihr aber zur Strafe dafür, daß sie an seinem Mut gezweifelt hat, verbietet, ihn jemals anzureden. Auf das Zureden Gaweins verläßt Iwein, damit er sich nicht»verliege«, seine Gemahlin Laudine, um ins Blaue auf Abenteuer und Turniere auszureiten.
Man hat Gottfrieds von Straßburg Tristan, trotz der von ihm gepriesenen»moraliteit«, der Unsittlichkeit angeklagt, und mit Recht, dabei aber doch nicht genug beachtet, daß seinem Stoffe mythische Beziehungen zu Grunde liegen, daß es sich darin um den Kampf des Frühlingsgottes mit dem greisen Winterkönig um den Besitz der aufblühenden Erde handelt. Hat aber Hartmann von Aue, welcher, wie Lachmann sagt ¹),»neben Wolfram zwar nicht mehr bewundert, aber mehr geliebt worden ist, weil er die allgemeine Anschauungsweise der Zeit nur mit der leisen Färbung einer höchst anmutigen poetischen Individualität darstellte«, eine sittlichere Anschauung, verletzt er nicht tief das gesunde, natürliche Gefühl, wenn er in seiner zierlichen, maßvollen Erzählung, welche als klassisch gerühmt wird, Laudine, nachdem sie sich einige Zeit gegen das Zureden ihrer schlauen Zofe Lunete gesträubt hat, den Mörder ihres Gatten heiraten läßt, den lwein, in dessen Nähe, wie sie es selbst sieht, der Leichnam
²) Uber den Eingang des Parzival S. 1.


