Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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jedem Franzosen messen kann, wie endlich dem vielseitigen, warm empfindenden und echt poetisch sich ausdrückenden Walther von der Vogelweide kein Troubadour und kein Trouvère gleichkommt, so der Kölner Dom die Krone und Blume der Gotik in ihrer reichsten und edelsten Vollendung ist.

Wenden wir unsere Betrachtung wieder dem Ritterwesen zu. Gottfried von Straßburg schildert eingehend die Erziehung des jungen Adligen in seinem Tristan. Bis zu seinem siebenten Jahre blieb dieser der mütterlichen Obhut überlassen. Dann mußte er fremde Sprachen lernen,»der buoche lere« anfangen,»in sines lebenes begin was sin beste leben hin«; aber auch im Saitenspiel aller Art, in allen Reiter- und Ritterkünsten, in allen höfischen Spielen wurde er geübt, laufen, springen, jagen lernte er, um dann im Alter von vierzehn Jahren durch das Land zu»varn unde riten, durch das im rehte würde erkant, wie des landes site waœre«.

Auch die Erziehung der Frauen war eine sehr sorgfältige. Nicht bloß, daß Isolde ihre Sprache von»Devehn«(Dublin) gründlich verstand,»si kunde franzois unt latin«, sie konnte auf welsche Weise fiedeln, sie sang als»den Syrenen eine«, sie konnte schreiben und lesen,»brieve und schanzune« dichten. Außer den Lehren, welche sie schon inne hatte, unterrichtete sie Tristan noch in einer neuen, »dig heizen wir moraliteit: diu kunst diu leret schœne site.«

Bei dieser raffinierten höfischen Bildung nahm das Ideal der männlichen Gestalt, des ritter- lichen Xußeren etwas Weibisches, Stutzermäßiges an, das sich, bewußtt oder unbewußt, dem kräftigen Bau volkstümlicher Recken gegenüber stellte. Wenn Sigfrid auch mehrfach»schön« genannt wird, so heißtt er doch eben so oft»der kreftige man«,»der wætliche man«,»der starke Sifrit«; stark sind seine Hände:»mit starken sinen handen lief er Albrichen an.« Dasselbe wird in der Gudrun von Hetel gerühmt:»sin kraft und ouch sin ellen sint starc und ouch sin hant.«

Tristan ist zwar auch ein tapferer Ritter, aber seine Hände sind fein, zart, schlank und weiß:

»Als er die harphen genam, sinen handen si vil wol gezam; die waren, als ich han gelesen, daz si niht schœner kunden wesen weich und linde, kleine, lanc und rehte alsam ein harm blanc. »jäà sine vinger wize

die giengen wol ze vlize

walgende in den seiten.«

Die Schilderung der Schönheit Tristans könnte auch auf eine junge Dame, ein zartes Burg- fräulein passen: »Sin munt was rehte rôserôt, sin varwe lieht, sin ougen klar, brüun luter was im sin har gekrüpfet ¹) bi dem ende, sine arme unt sin hende wol gestellet unde blanc, sin Üp ze guoter maze lanc, sine vüeze und siniu bein, dar an sin schœne almeistec schein, diu stuonden ze prise wol als manz an manne prisen sol.«

Unzählige Mal wird Tristans»höveschheit, courtoisie« gerühmt, und wenn er sich»fremder« Ausdrücke bedient, so gilt dies für besonders fein und elegant:

¹) Geringelt, gekräuselt.