Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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Magnus(Graf von Bollstädt), ein viel bewunderter Lehrer an der dortigen Universitäut, und auch ihm wurde, wie dem Alanus, der Beiname doctor universalis gegeben. Seine Nachfolger waren der Italiener Thomas(Graf von Aquino), der doctor angelicus, Duns Scotus, der doctor subtilis und der Engländer, Wilhelm von Occam, genannt venerabilis inceptor, u. a.

Unter den Ottonen»waren in Deutschland neben den Schulen der Klöster auch die Domschulen als Pflanzstätten klassischer Gelehrsamkeit emporgeblüht«, sagt Wilhelm Wackernagel(Litteraturgesch. § 34).»Nach den Sachsen unter den salischen Königen erlosch dieser Glanz wieder: nicht für den Laien, nicht einmal für die Geistlichkeit ward in den Schulen wie vorber gesorgt: schon mußte, wessen Sinn nach höherer Bildung stand, Frankreich suchen.« Deutsche Fürsten suchten Pranzosen als Erzieher ihrer Kinder zu gewinnen.

Aber auch der in noch nicht gar lang entwichener Zeit als germanisch oder deutsch in Anspruch genommene gotische Stil ist französischen Ursprungs. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Gotik, mag diese Benennung(ein zuerst von den Italienern gebrauchter Spottname) immerhin als allgemein ver- ständlich beibehalten werden, eine Kombination des französischen Genius ist, an welcher der Süden wie der Norden Frankreichs, jeder in eigentümlicher Weise, Anteil hat, während die innige Verschmelzung der verschiedenen Elemente im Mittelpunkte des Landes stattfand.

Im Süden wurden schon im 12. Jahrhundert Kirchen mit spitzbogigen Tonnengewölben und Arkaden gebaut; der Chor erhielt eine reichere Anordnung; Säulen und Pilaster lehnten sich in ihrer Ausbildung an die Antike an; die dekorative Skulptur in ihrer reichen Entfaltung enthielt ebenfalls antikisierende Elemente denn auch das Kelchkapitäl ist eine Nach- und Umbildung des korinthischen Kapitäls nahm aber auch ihre Motive direkt aus der Pflanzenwelt. Jedoch gab man im Süden nie ganz den einheimischen romanischen Stil auf und eignete sich nur einzelne Elemente der Gotik an.

In der Normandie zeigt sich kühne Festigkeit in dem hier zuerst durchgeführten Kreuzgewölbe, entschiedene Klarheit in der regelmäßigen Gliederung des mächtig emporstrebenden Gesamtbaues, und imposante Erhabenheit der Fagçade durch die Errichtung von Türmen über ihren Seitenteilen.

Die selbstverständlich nur allmählich sich vollziehende Verschmelzung der nordischen und süd- lichen Elemente des neu sich entwickelnden Stiles ist sichtbar an den Kirchen dieser Ubergangsperiode, so namentlich an der Klosterkirche von Preuilly(1. Viertel des 12. Jahrhunderts), der Abteikirche von Chartres(begonnen 1134), an dem Chor von Saint-Martin des Champs in Paris(Anfang des 12. Jahr- hunderts), an den ältesten Teilen der Kirche Saint-Etienne zu Beauvais u. s. w. Zu entschiedener Durchbildung des neuen Stils drang Abt Suger in seinen Bauten an der Abtei Saint-Denis bei Paris (1121 1144) durch.

Unter der schwachen Regierung der salischen Könige machte sich in Deutschland, wie schon erwähnt wurde, ein trauriger Rückgang in allem, ganz besonders aber im Staatsleben fühlbar. Die Kleinstaaterei, der Partikularismus nahm unter ihnen seinen Anfang, die Provinzen schlossen sich gegen einander ab in ihrer politischen Entwicklung und in ihrer Kultur, und so entbehrte die deutsche Nation damals schon der Einheit, des kräftig zusammenhaltenden Bandes um einen geistigen Mittelpunkt. Unter der Herrschaft der Hohenstaufen waren die einzelnen Territorialherren vollends zu selbständigen Herr- schern erstarkt. Daher die landschaftliche Mannigfaltigkeit in der Weiterbildung des gotischen Stils, welcher erst im 13. Jahrhundert von Frankreich herüber eingeführt wurde.

Der erste gotische Bau in Deutschland ist die Liebfrauenkirche zu Trier, begonnen 1227 nach dem Vorbilde der Stiftskirche Saint-Ived in Braisne bei Soissons(erbaut von 1180 1216), vollendet um 1243. Die mit der Liebfrauenkirche zu Trier in manchen Einzelheiten verwandte Elisabethkirche zu Marburg wurde 1235 angefangen, aber erst 1283 ausgebaut. Das in vollendeter Ausbildung der Gotik durchgeführte Münster zu Straßburg, dessen Façade eine Nachahmung der Urbanskirche in Troyes ist, und das Freiburger Münster fallen in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der großartigste und harmonischste gotische Bau nicht bloß Deutschlands, sondern der Welt, ist der Dom zu Köln, dessen. Chor im wesentlichen dem Chor der Kathedrale zu Amiens nachgebildet ist.

Uns bleibt der Trost, daßz, wie Wolfram von Eschenbach durch seine Innerlichkeit des Gemüts, seine mystische Tiefe und seine gestaltende Kraft alle französischen Epiker überragt, wie Gottfried von Straßburg, was man ihm auch vorwerfen mag, sich in Anmut und Feinheit, Witz und Geist, mit