— 6—
eröffnet wurde ¹). Der Unterricht in der klassischen Litteratur wurde auch hier von den Jesuiten mit grolsem Erfolge geleitet, und so konnte es nicht ausbleiben, dals der begabte, für das Altertum begeisterte Jüngling sich, ohne die Jurisprudenz zu vernachlässigen, deren vollständigen Cursus er absolvierte, dem Studium der alten Sprachen und Klassiker mit ganzer Seele hingab. Sein Eifer, in mehr oder weniger bekannten Bibliotheken nach alten Handschriften zu forschen, war schon in früher Jugend so glühend, daſs er weder Mühe noch Kosten scheute, denn sobald er nur von dergleichen in irgend einem belgischen Kloster verborgenen Schätzen hörte, eilte er hin, um sie zu heben, und das Glück begünstigte ihn gar oft, indem es ihn an solche Orte führte, wo seltene und kostbare Manuscripte meist unbeachtet aufgespeichert lagen. So durch- forschte Modius in dieser frühen Lebensperiode die Thosanische Bibliothek und die des Cister- cienserklosters in den Dünen; besondere Anziehungskraft hatte für ihn die reiche Büchersammlung des Laevinus Torrentius(Van der Beken-Torrentin), Archidiakonus zu Lüttich und spàteren zweiten Bischofs von Antwerpen und Erzbischofs von Mecheln. Aber auch die bedeutende Bibliothek der berühmten Abtei St. Bertin²) und die Claremaressische, beide zu St. Omer, ferner diejenige der Domkirche in Tongern, die mehrer Stifter zu Löwen und einiger Klöster in Lüttich besuchte er, um Handschriften abzuschreiben, zu excerpieren oder mit schon vorhandenen Drucken zu vergleichen.
In Lille(Ryssel) erlebte er folgende heitere Geschichte. Als er daselbst in einem Kloster nach der Bibliothek fragte, so erwiderte ihm der Prior schmunzelnd, sie hâtten eine erstaunlich gute und schöne. Modius glaubte, der gute Mann spräche von alten Handschriften, denn auf solche nur machte er Jagd. Nachdem er um die Erlaubnis gebeten hatte, die Bücher besichtigen zu dürfen, führte ihn der Prior in ein Zimmer, das zur Aufbewahrung der ganzen Bibliothek hinreichte, in welchem jedoch kein einziges altes Buch zu sehen war. Dagegen nahmen die neuesten Ausgaben der Kirchenväter, Augustinus, Hieronymus, Bernhard, und wie sie alle heiſsen, die Bücherbretter ein. Als Modius fragte, was aus den alten Insassen der letzteren geworden sei, denn die dastehenden seien ja augenscheinlich neu, so entgegnete der Mönch, er verstehe nicht, was Modius wolle, er möge sich deutlicher ausdrücken. Darauf sprach dieser:„Ehrwür- diger Vater, habt ihr keine Pergamenthandschriften?“—„Wir haben welche gehabt,“ erwiderte der Prior,„aber es kam neulich jemand zu uns, von dessen Dummheit nicht genug gesagt werden kann. Ihm wurde auf sein Ersuchen Zutritt in die Bibliothek gewährt, in welcher damals viele Bücher herumlagen, von denen wir jedoch keinen Gebrauch machen konnten, da die Schrift darin entweder durch das Alter unleserlich war oder aus Gott weiſs was für fremden Buchstaben bestand, so dafs kaum einer von uns in zehn Monaten den Fuſs in dieses Zimmer setzte. Als der gute Tropf diese Bücher gesehen hatte, rief er plötzlich aus:„Was thut ihr mit den Scharteken da, weshalb versilbert ihr sie nicht? Warum kauft ihr nicht für das Geld
²) Ranke, die römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten, Leipzig 1878, II, S. 64 u. 65. N. G. van Kampen, Geschichte der Niederlande, Hamburg, 1831, I.
²) Über die schon im 8. Jahrh. erbaute, im 14. u. 15. Jahrh. neu aufgerichtete, architektonisch höchst mnteressante Abtei St. Bertin nebst Kirche sind ausführliche Abhandlungen zu finden in den Mémoires de la société des antiquaires de la Morinie, tomes VII. et VIII. Saint-Omer 1846, imprimerie de Chanvin, etc. etc.


