Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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So iſt, um nur ein Beiſpiel aus der früheſten Zeit anzuführen, der älteſte, mit Holzſchnitten gezierte franzöſiſche Druck:Le Mirouer François, Lyon 1478 mit den Abdrücken der Holzſtocke verſehen, welche 1476 Bernhard Richel in Baſel für ſeinenSpiegel menſchlicher Behältniß gebraucht hatte. Eine der auffallendſten Erſcheinungen dieſer Art iſt es, daß, nachdem Hans Holbein's Todten⸗ tanz ſchon in Baſel gedruckt worden war, ſeit 1538 eine Reihenfolge von Ausgaben dieſes herrlichen Holzſchnittwerkes mit lateiniſchen Bibelſtellen und franzöſiſchen Verſen in Lyon bei den Brüdern Trechſel, ſpäter bei den Brüdern Frellon herauskam.*) 1554 erſchien wieder eine Ausgabe davon in Baſel. Der Grund davon muß in den damaligen Basler Zuſtänden, namentlich in dem 1529 ausgebrochenen Bilderſturm geſucht werden. In dem ſtreng katholiſchen Lyon war die Herausgabe auch des Todtentanzes, welcher gewiß nicht glimpflich mit dem katholiſchen Klerus verfährt, nicht un⸗ möglich, unter Beobachtung der nöthigen Vorſicht, mit welcher die lange franzöſiſche Vorrede des Jean de Vauzelles einer allenfalls drohenden Gefahr vorbeugte. In Baſel hatte ſich die 1529 ergangeneOrdnung über die Reformation im feindlichſten Sinne gegen Künſtler und Kunſtwerke erklärt.**) Im XVIII. AbſchnittVon Bildern heißt es:Wir haben in unſeren Kirchen zu Stadt und Land keine, weil ſie vormals viele Anreizung zur Abgötterei gegeben, darum ſie auch Gott hoch verboten, und alle die verflucht hat, ſo Bilder machen. Deshalben wir künftighin mit Gottes Hilfe keine Bilder aufrichten laſſen, aber ernſtlich nachdenken werden, wie wir die armen Dürftigen, ſo die wahren und lebendigen Bilder Gottes ſind, tröſtlich verſehen mögen.

Üeber die älteſten Erzeugniſſe der Buchdruckerkunſt an hieſigem Orte gibt Dr. med. Georg Kloß intereſſante Notizen in ſeinem Aufſatze: Üüber die älteſten Spuren der Ausübung der Buch⸗ druckerkunſt in der Stadt Frankfurt a. M.***) Senator Dr. Gwinner erweitert dieſe Nachrichten in ſeinem Buche: Kunſt und Künſtler in Frankfurt und in den Zuſätzen und Berichtigungen zu dieſem Werke. Folgende Aufzeichnungen mögen einen kleinen Beitrag zur Vervollſtändigung derſelben, ſowie der von Gwinner gegebenen Biographien einiger berühmter Frankfurter Buchdrucker liefern.

Kloß ſagt mit Recht:Die Buchdruckerkunſt faßte dahier erſt im Jahre 1531 feſten Fuß, als Chriſtian Egenolph von Hadamar, bisher zu Straßburg arbeitend, nach Frankfurt überſiedelte. Egenolph wurde 1502 zu Hadamar geboren. Er zog wahrſcheinlich ſchon 1530 nach Frankfurt und wohnte im Hauſe zur Weilburg am Eck des Kornmarkts und der großen Sandgaſſe. Er ſtarb 1555 im Alter von 53 Jahren. Eine an ſeinem Hauſe befindlich geweſene lateiniſche Inſchrift beſagte, daß er zuerſt die typographiſche Kunſt in Frankfurt eingeführt habe, was inſofern wahr iſt, als er der erſte hier anſäſſige, wirklich bedeutende Buchdrucker war, welcher(1532) das Bürgerrecht er⸗ worben hatte. Egenolph war ein ſehr unterrichteter Mann, welcher mit Melanchthon u. A. in Briefwechſel ſtand. Sein Verlag iſt reich an intereſſanten Werken mit Holzſchnitten. Er übte ſelbſt die Formſchneidekunſt und war auch Schriftgießer. Ausführlicheres über ihn, ſo wie über die vor⸗

*) A. Woltmann, Hans Holbein und ſeine Zeit, II. Cap. 14. Erläuterungen zur Geſchichte und Be⸗ deutung des Holbeiniſchen Todtentanzes, vom Prof. Dr. H. F. Maßmann, München, 1832. Essai typographique et bibliographique sur l'histoire de la gravure sur bois par Ambroise Firmin Didot. Paris, 1863, Spalte 4374.

**) A. Woltmann, H. Holbein und ſeine Zeit, II. S. 198. ***) Gedenk⸗Buch zur vierten Jubelfeier der Erfindung der Buchdruckerkunſt, begangen in Frankfurt a. M. am 24. und 25. Juni 1840.