Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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vill, kam in geltſchulden. Ich hort aber bald uff biecher verkouffen, behalff mich verdingwerch zu truken und mier ſelber ouch, domit fur ich gan Frankfurt. S. 95:... Als mier gott wider uffhalf, gedacht ich ein ander huß zu empfachen, dan ich wolt vom buchfierergwerb laſſen, das ich des ladens nüt bedorfft; ſo was min trukſtüblin klein und finſter.

Nachdem ſchon längſt neben dem Warenverkauf ein Bücherverkauf auf den Frankfurter Meſſen ſtattgefunden hatte, ſo beginnt doch der eigentliche buchhändleriſche Meßverkehr erſt mit dem Jahre 1511. Oscar Haſe ſagt darüber in ſeinem intereſſanten Buche*):Dieſe Epoche wird begründet durch den Reuchlin'ſchen Streit, ſo weit er in Druckſchriften zum Austrag kam. 1511 hatte der getaufte Jude Pfefferkornain offen getrucktes ſchmachbüchlin und laſterſchrifft daz er nent handt⸗ ſpiegel geübt und menigklichen in nechſt verruckter Franckfurter vaſten meß eröffnet(Reuchlin's Augen⸗ ſpiegel, Tübingen 1511, S. 1 der Einleitung), es erſchien in einer Auflage von ca. 1000 Exem⸗ plaren. Reuchlin erklärte die Art Handel, wie er mit dem Handſpiegel getrieben worden ſei, für eine unanſtändige; Pfefferkorn habe das Buchſelbs umb getragenn verkaufft, und durch ſein weib inn offem grempelkram yederman faill gebotten, daß erals ain büchergrempler vil gelts möcht ge⸗ winnen(Augenſpiegel fol. 32). Die Verbreitung der Gegenſchrift Reuchlin's geſchah ebenfalls zu Frankfurt, in der Herbſtmeſſe desſelben Jahres(Augenſpiegel S. 7 der Einleitung); in Frankfurt wurden auch die folgenden Complemente der Schrift und Gegenſchriften ausgegeben. Hier haben wir es mit einem regulären Handel zu thun, wie der Name des bedeutenden humaniſtiſchen Druckherrn Thom. Anshelm als Verleger bezeugt. Die Verbreitung der beiderſeitigen Schriften war eine erſtaunlich raſche, und Frankfurt war der Ort, von dem nach allen Seiten die Exemplare ihren Weg zu den Gelehrten fanden. Daß in den Jahren des Reuchlin'ſchen Handels der Frankfurter Meßverkehr der Buchhändler erſt wirkliche Bedeutung zu gewinnen begann, erweiſt die Vergleichung litterariſcher Brief⸗ wechſel vor und nach dem Streite. Johannes Trithemius, deſſen epistolae familiares das letzte Viertel des 15. und das erſte Zehnt des 16. Jahrhunderts umfaſſen, nennt trotz ſeines großen Intereſſe für Litteratur und deſſen praktiſcher Bethätigung im Bücherkauf nie die Frankfurter Meſſe. Illustrium virorum epistolae ad Reuchlin enthalten in ihrem erſten Buche, welches Gelehrtenbriefe bis zum Ausbruch des Reuchlin'ſchen Streites gibt, der litterariſchen und buchhändleriſchen Notizen viele, Frankfurt wird nie erwähnt, während das zweite, ſpäter hinzugefügte Buch öfter die große Verbreitung von Büchern durch die Meſſe betont. Seit dieſer Zeit gewinnt auch in des Erasmus Briefen die Meſſe eine große Bedeutung, ſo daß man ſeit 1515 einen faſt regelmäßigen Meßbeſuch Froben's und ein völliges zeitliches Bedingtſein der Herausgabe von Verlagsartikeln durch die Meſſe nachweiſen kann. 1518 hatten die Buchhändler ſchon eine eigene Straße inne. Ein Brief Reuchlin's, der Melanchthon's Reiſe nach Wittenberg ankündigt, ſagt**):Magiſter Philipps hat ihm vor⸗ genommen, in nächſtkünftiger Meſſe zu Frankfurth mit den Kaufleuten Eures Landes ſeine Bücher hinein nach Wittenberg zu verfertigen, ꝛc. Man wird ihn die nächſtkommende Frankfurter Meſſe daſelbſt um des heiligen Kreuzes Erhöhungstag in der Büchergaſſe bei Meiſter Thomam Anshelm, Druckherrn und Buchverkäufern von Hagenau finden.

*) Oscar Haſe, die Koburger, Buchhändlerfamilie zu Nürnberg. Eine Darſtellung des deutſchen Buchhandels in der Zeit des Uebergangs von der ſcholaſtiſchen Wiſſenſchaft zur Reformation. Leipzig, 1869.

**) Corpus reformatorum, I, p. 30. Reuchlin Friderico Electori. Stuttg. 7. Mai 1518.

Höhere Bürgerſchule. 3