Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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Eine portugieſiſche Factorei wurde errichtet, welche dem Handel der Niederlande und Deutſchlands Edelſteine, orientaliſche Perlen, Gold, Gewürze, Ambra, Moſchus, Elfenbein, Aloe, ätheriſche Ole, Zucker, Baumwolle, Braſilienholz und andere Farbſtoffe, Madeirawein und trockene Früchte lieferte⸗ So erhob ſich Antwerpen zu dem bedeutendſten handeltreibenden Seeplatz des Nordens und zählte bald mehr als 200,000 Einwohner. Faſt übertrieben klingt die Angabe, daß täglich fünf hundert Schiffe in der Schelde einliefen und vor der Stadt mehr als zwei tauſend vor Anker lagen. Das Gedeihen des Handels hatte einen günſtigen Einfluß auf den Gewerbfleiß und die Künſte. Die Ant⸗ werpener tauſchten gegen die Producte des Orients, des Südens und Amerikas ihre Fabrikate: Lein⸗ wand, Teppiche und Tücher aus, bis Königin Eliſabeth, die Unruhen in den Niederlanden benutzend, den von dort vertriebenen Induſtriellen ein Aſyl in England bot.

Die Malerei hatte zahlreiche und glänzende, zum großen Theil eingeborene Vertreter in Ant⸗ werpen; ich erinnere nur an Quentin und Jan Maſſys, die Breughel, Franz Francken, Joas van Cleve, an welche ſich im 17. Jahrhundert noch eine anſehnliche Reihe berühmter Namen an⸗ ſchließt. In der Mitte des 16. Jahrhunderts waren hundert und vierzig Goldſchmiede in der Stadt anſäſſig. Dieſer Wohlſtand erhielt 1566 die erſte empfindliche Störung durch die Bilderſtürmer. Die Inquiſition, welche Philipp II. in den Niederlanden einführte, diente nur dazu, dieſen Unfug zu vermehren und unheilvoller zu machen. 1576 erſtürmten die Spanier Antwerpen, plünderten es, brannten das prachtvolle, in Marmor erbaute Rathhaus und fünf(nach andern Hiſtorikern acht) hundert Wohnhäuſer nieder und ermordeten über 5000 Einwohner.Unglaublich groß war der Werth des Geraubten und Zerſtörten, ganz Europa litt durch den Rückſchlag, und nie hat die Stadt ihren vorigen Reichthum und ihre Bedeutung wieder erhalten. Die Räuber verſchwendeten binnen kurzer Zeit das Gewonnene aufs Liederlichſte: es gab Soldaten, welche in einem Tage 10,000 Kronen verſpielten, andere ließen ſich goldene Schwerter, Helme, ja Rüſtungen machen.*) Indeſſen hatte ſich Antwerpen 1582 doch wieder von dieſen Bedrängniſſen ſo weit erholt, daß es einen Verſuch des Herzogs von Alençon, Franz von Valois, Bruder Heinrichs III. von Frankreich, ſich der Stadt durch Liſt zu bemächtigen, ſiegreich zurückwies und das franzöſiſche Heer vernichtete. Alexander Farneſe, Prinz von Parma, eroberte den 17. Auguſt 1585 Antwerpen, welches ein Jahr lang den kühnſten und ausdauerndſten Widerſtand geleiſtet hatte. Obgleich es immer noch eine wichtige Handelsſtadt blieb, beginnt doch jetzt ſein allmählicher Verfall, da die Spanier die Proteſtanten hart behandelten und aus Furcht vor der Übermacht der Stadt die Schelde nicht öffneten. Die eiferſüchtigen Holländer ließen ſogar durch ihre Bevollmächtigten auf dem Friedenscongreſſe zu Münſter 1648 bei Anerkennung ihrer Republik ſich ausbedingen, daß die Schelde geſperrt bleibe, und kein größeres Schiff in Ant⸗ werpen anlegen dürfe, ohne zuvor ſeine Waren in Holland ausgeladen zu haben, worauf dieſelben in Kähnen in das Innere des Landes geſchafft wurden. Mit dieſem Artikel war dem Handel Ant⸗ werpens das Todesurtheil geſprochen, und auf den Trümmern ſeines Wohlſtandes erhoben ſich ſeine Nebenbulerinnen Amſterdam und Rotterdam. 1585 muß indeſſen der Verkehr in Antwerpen noch ein ſehr anſehnlicher geweſen ſein, denn es erſchien daſelbſt im genannten Jahre die verbeſſerte und vermehrte Auflage eines Geſprächbüchleins in ſieben Sprachen, hauptſächlich für Kaufleute, nachdem ſchon zuvor ein ſolches in ſechs Sprachen(es fehlte darin die lateiniſche) in England, und ähnliches

*) Geſchichte Europas von F. v. Raumer, III. S. 111.