— 11—
Wir ſehen, wie aus dem überlebten und Zerfallenden ſich eine neue Pflanze erhebt, welche eine ſolche Triebkraft beſitzt und in ſo günſtigem Boden wurzelt, daß ſie die ganze übrige poetiſche Litteratur allmählich überwuchert und verdrängt. Wirkt doch in unſerer Zeit der Roman faſt allein auf das Publicum, ob er als Erzählung verſchlungen wird oder dramatiſiert über die Bretter geht. Die Zahl der Sammlungen von Erzählungen, Schwänken und Anekdoten iſt Legion in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts; Wickram, der eine ſolche unter dem Titel„Rollwagenbüchlein“ herausgab, fing gleichfalls an, ſelbſtändige Romane zu ſchreiben, z. B. den„Goldfaden“. Noch ſind unter der großen Anzahl als Volksbücher umlaufender Erzählungen die von Dr. Fauſt und vom ewigen Juden hervor⸗ zuheben, erſtere zuerſt in Frankfurt gedruckt, letztere, obgleich Ahasver ſich ſchon 1547 in Hamburg hatte ſehen laſſen, erſt 1602..
Gewiß ſpricht der Abſatz eines Buches für deſſen Beliebtheit bei dem Publicum. Einen un⸗ ſchätzbaren Gradmeſſer bietet uns für die Geſchmacksrichtung des hier beſprochenen Zeitabſchnittes das von Dr. Ernſt Kelchner und Dr. Richard Wülcker herausgegebene„Mess-Memorial des Frankfurter Buchhändlers Michel Harder. Fastenmesse 1569.— Frankfurt a. M. und Paris. Joseph Baer& Co. 1873. Die Herausgeber haben das Faeſimile mit intereſſanten culturhiſtoriſchen An⸗ deutungen und mit einer Überſicht der zur Zeit Michel Harder's im Handel geweſenen und von ihm verkauften Druckſchriften nebſt Angabe der Druckorte und Verleger verſehen. Ich nehme hier nur auf die poetiſche Litteratur im weiteren Sinne Rückſicht und ſehe ab von allen erbaulichen Werken, ſowie von den Büchern für den Schul⸗ und Hausgebrauch. Am meiſten verkaufte Harder*) die Ge⸗ ſchichte von den ſieben weiſen Meiſtern, gedruckt zu Frankfurt am Main durch Weygand Han, 1556 (233 Exemplare) und des ehemaligen Juden und ſpäteren Franziskaners Johann Pauli Anekdoten⸗ und Schwankſammlung„Schimpf und Ernſt,“ Frankfurt, Egenolph, 1563(202 Exemplare). Nun folgen in abſteigender Linie die Volksbücher und Ritterromane Fortunatus(196 Exemplare), Mage⸗ lone(176 Exemplare), Meluſine(158 Exemplare), Ritter Pontus(147 Exemplare), Ritter Galmy (144 Exemplare), Octavianus(135 Exemplare), Georg Wickram's Goldfaden(116 Exemplare).— Hug Schapler, Apollonius, Eulenſpiegel, der weiße Ritter, Wigalois, Loher und Maller, Triſtrant, Florio und Bianceffore wurden, die erſtgenannte Erzählung in 97 Exemplaren und die übrigen herab bis zur letzten in 52 Exemplaren abgeſetzt. Von dem hürnenen Sigfrid, oder, wie Harder ſchreibt, dem„Hirnen Seufrid,“ gingen die meiſten Exemplare nach Worms, der Reſidenz des alten Bur⸗ gundenreiches, wo die Heldengeſtalten des Nibelungenliedes noch nicht ganz dem Gedächtnis des Volkes entſchwunden waren. Sigmund Feyerabend's Heldenbuch dagegen fand nur einen Abſatz von 4 Exem⸗ plaren, obgleich ſein Preis ein billiger(7 Schill.) war.**) Wie geſagt, das Volk hatte wenig Sinn mehr für Verſe, es wandte ſich mit Vorliebe der Proſa zu, den Ritterromanen und beſonders den Sammlungen von Schwänken und belehrenden Erzählungen. Der ſtarke Verkauf von Rechenbüchern, und insbeſondere von dem ſprichwörtlich gewordenen des Adam Rieſe(Erfurt, Matthias Maler,
*) Meßmemorial, S. VI u. ff.
***) Trotzdem konnte Sigmund Feyerabend die„Vorrede deß Heldenbuchs, an den günſtigen Leſer“ in der Quartausgabe von 1590, welche keineswegs eine bloße„Titelauflage“ iſt, mit folgenden Worten beginnen:„Nach dem, Guthertziger günſtiger Läſer, Ich vndenbenandter diß Heldenbuch, vor viel jaren im Truck hab außgehen laſſen, vnd in langer zeit kein Exemplar mehr zu bekommen Leßpeſen bin ich durch viel guter ehrlicher Leut vermahnet worden, dieſes Heldenbuch widervmb für die Hand zunemmen,“


