Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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bürtig zur Seite. Wie vortheilhaft unterſcheidet ſich der treuherzige Nürnberger in ſeinen Schwänken voll glücklichen Humors von den meiſten übrigen Meiſterſängern! Auch ſeine Faſtnachtſpiele erheben ſich oft zu recht draſtiſcher Komik und lebhaftem Dialoge; Jakob Ayrer erſcheint, mit ihm verglichen, nicht ſelten roh und unbeholfen in ſeinen Dramen.

Die Erfindung der Buchdruckerkunſt, welche zunächſt eine Magd der Gelehrſamkeit geworden war, ſowie das Studium der lateiniſchen und griechiſchen Litteratur wirkten vorerſt höchſt ungünſtig auf die deutſche Poeſie, wie auf die deutſche Proſa. Männer von großer Begabung, wie Konrad Celtes, Helius Eobanus Heſſus, Euricius Cordus, Georg Sabinus, Nikodemus Friſchlin dichteten lateiniſch, und die deutſchen Poeten glaubten nur durch gelehrte Anſpielungen und Bilder, durch Nachahmung lateiniſcher Wendungen wirken zu können. Paul Meliſſus(Schede), 1539 1602, iſt ein ſolcher ge⸗ lehrter Dichter, welcher lange vor Opitz und deſſen Büchlein von der deutſchen Poeterei(1624) deutſche Verſe nach antiker Weiſe zu meſſen ſuchte und fremde Formen(Sonette, Terzinen und Alexandriner) einführte, ſeinen Ruhm jedoch in den Augen der Zeitgenoſſen ſeinen lateiniſchen Ge⸗ dichten verdankt. In der deutſchen Proſa zeigen ſich ſchon vielfach die Spuren der Sprachmengerei und des Schwulſtes. Eine Art handwerksmäßiger Gelehrſamkeit trägt ja doch auch der Meiſtergeſang zur Schau, die in ein Syſtem gebrachte künſtliche Poeſie, welcher der freie dichteriſche Gefühls⸗ erguß, die Volkslyrik gegenüberſteht. Aber auch die Volkslieder, deren Blüte in den Anfang des 16. Jahrhunderts fällt, werden gegen Ende unſerer Periode von dem Mehlthau der Gelehrſamtkeit, der Reflexion angekränkelt. Die erſten Sammlungen derſelben wurden ſeit der Mitte des 16. Jahr⸗ hunderts entweder nur handſchriftlich gemacht, oder auch durch den Druck veröffentlicht. Zu den er⸗ ſteren gehört die Heidelberger Liederhandſchrift in Folio, das Liederbuch der Herzogin Ammelia zu Cleve(15171586) und das Liederbuch der Clara Hätzlerin, einer Augsburger Nonne; unter den gedruckten Liederſammlungen iſt eine der reichhaltigſten das Frankfurter Liederbuch, gedruckt durch Nikolaus Baſſäus 1584.(Die Frankfurter Ausgabe in der Ambraſer Sammlung iſt von 1582; eine frühere erſchien ſchon 1572.) Auch Chriſtian Egenolph in Frankfurt hatte ſchon in den erſten Jahr⸗ zehnten des 16. JahrhundertsGaſſenhawerlein, und 1539Reutterliedlein gedruckt. Das evan⸗ geliſche Kirchenlied, welches ſeine erſten und bedeutendſten Pfleger in Luther, Speratus, Decius u. A. fand, hat auch in der Folge noch würdige Namen wie Nikolaus Hermann, Bartholomäus Ringwald, Phil. Nicolai ꝛc. aufzuweiſen.

Für das große Volksepos(Nibelungen und Gudrun) hatten nur wenige noch Sinn, die ge⸗ ringeren Heldenſagen wurden geſammelt und öfter abgedruckt in dem ſogenannten Heldenbuch, über welches weiter unten einige Andentungen folgen werden. Wohl zu unterſcheiden iſt dieſes Heldenbuch von dem des Caspar von der Röhn, eines Bänkelſängers, welcher um 1472 die Heldenſagen zweiten Ranges auf die roheſte Weiſe verkürzte und verarbeitete. Weit größeren Beifall fanden jetzt die Ro⸗ mane, d. h. im Gegenſatz zur lateiniſchen Dichtung urſprünglich in der Volksſprache, der roma⸗ niſchen, gedichtete Ritterepen, welche nunmehr in Proſa umgeſetzt wurden. Der NameRoman drang mit der Ueberſetzung dieſer Proſawerke, z. B. des Amadis, auch bei uns ein. Hierher gehören die proſaiſchen Erzählungen der Sagenſtoffe aus dem Artuskreiſe, und ihnen reihen ſich manche unſerer vielgeleſenen Volksbücher, z. B. Kaiſer Octavian, Melufine, die Heimonskinder u. ſ. w. an. In Frankfurt wurden mehrere derſelben einzeln gedruckt, z. B. bei Hermann Gülfferich im Hauſe zum Krug in der Kruggaſſe und bei ſeinem Nachfolger Weygand Han. Eine Sammlung derſelben iſt dasBuch der Liebe.