Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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ſie natürlich verloren gingen. Er ſoll während der vierjährigen Lehrzeit ſeines Schülers, des Frank⸗ furter Malers Georg Keller, nach deſſen Ausſage ſo viele ſolcher Zeichnungen gemacht haben, daß die Holzſtöcke kaum auf einem Heuwagen hätten untergebracht werden können. Überdies iſt es ſicher, daß Jobſt Amman auch ſelbſt, wenn auch nur einen kleinen Theil ſeiner Zeichnungen in Holz geſchnitten hat, da ſich ſein Monogramm mit dem Schneidmeſſerchen auf Blättern in Fronsperger's Kriegsbuch vorfindet.*) Unter den in Frankfurt anſäſſigen Künſtlern dieſer Periode müſſen Martin van Valken⸗ burg der ältere, Heinrich van Steenwyk und Jodocus van Winghe, welche aus den Niederlanden ſtammten, genannt werden. Die beiden erſteren erlernten die Kunſt in ihrer Heimat, der letztere bildete ſich in Italien aus. Auch die Kunſtthätigkeit Philipp Uffenbach's, des tüchtigen und freiſinnigen Malers, eines geborenen Frankfurters aus anſehnlicher Familie, beginnt in den beiden letzten Jahr⸗ zehnten des 16. Jahrhunderts. Er war der Lehrmeiſter des vorzüglichſten und originellſten nicht bloß der Frankfurter, ſondern auch aller deutſchen Maler der ganzen Epoche, welcher überdies begabt war mit dem feinſten und zugleich tiefſten Naturgefühl und einer großen Anmuth der Darſtellung: Adam Elsheimer's, geboren zu Frankfurt 1574(ſein Vater, ein Schneider, wohnte in der Prediger⸗ gaſſe neben der rothen Badſtube), geſtorben zu Rom 1620, nachdem ihn ſeine Freunde aus dem Schuldthurm befreit hatten, in welchen er von ſeinen Gläubigern gebracht worden war, da ſein Er⸗ werb trotz ſeines großen Fleißes für ſeine zahlreiche Familie nicht hinreichte.

Es iſt oben erwähnt worden, daß Ferdinand I. und Maximilian II. den Anhängern der neuen Lehre nicht ungünſtig geſinnt waren. Wie benutzten aber die Proteſtanten die ihnen gegönnte Friſt? Ein trauriges Bild theologiſchen Haders, dogmatiſcher Hartnäckigkeit entrollt ſich da vor unſeren Blicken. Der Streit über die unbedingte Prädeſtination und den Synergismus zerklüftete die luthe⸗ riſche Kirche, Zänkereien um ſubtile Formeln und Spitzfindigkeiten entfremdeten vollends die beiden Confeſſionen einander, und die Gehäſſigkeit der theologiſchen Parteien übertrug ſich auf das Volk. Natürlich ſpiegelt ſich dieſes Kampfgewühl in der Litteratur. War in der erſten Hälfte des 16. Jahr⸗ hunderts Deutſchland mit lateiniſchen und deutſchen Satiren überſtrömt worden, unter welchen ſich die Epistolae obscurorum virorum, die Schriften Hutten's und die überderb witzigen Werke Dr. Thomas Murner's, des grobkörnigen Franziskaners, auszeichnen, während andere Producte nur der gelehrten Polemik angehören, ſo brach jetzt eine wahre Sintflut von Streitſchriften herein, deren komiſche und ſatiriſche Seite meiſtens nur in ihren langathmigen Titeln beſtand, eine geſchmackloſe Weiſe, welche Johann Fiſchart ſtark ausgebeutet hat, und die wir kaum an ihm, dem bedeutendſten und ſchlag fertigſten Satiriker der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, genießbar finden können. Auch das Thierepos wurde nunmehr zur allegoriſchen Satire benutzt, ich erinnere nur an Rollenhagen's Froſch⸗ mäuſeler; die ſchon vor 1577 erſchienene, aber damals erſt mit der Jahrzahl wieder abgedruckte Floh⸗ hatz Fiſchart's iſt nur derbkomiſchen Inhalts. Erasmus Alberus und Burkhard Waldis dichteten Lehrfabeln um die Mitte des 16. Jahrhunderts.

Neben Bartholomäus Ringwald iſt Fiſchart der beſte Lehrdichter. Auch in der poetiſchen Er⸗ zählung zeichnet ſich der letztere aus; durch ſein glückhaftes Schiff von Zürich weht ein Zug der Friſche und Lebendigkeit. Als Erzähler in Verſen tritt ihm nur der fruchtbare Hans Sachs eben⸗

*) Ein treffliches Faeſimile eines dieſer ſchönen Blätter, ſpielende und raufende Landsknechte darſtellend, befindet ſich auf Seite 27 in C. Becker's Jobſt Amman, Leipzig, 1854. Höhere Bürgerſchule. 2