Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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Gothik und bilden ſo mit dieſer einen eigenthümlichen Miſcchſtil. Zeigt uns das Sebaldusgrabmal (1508 1519) von Peter Viſcher eine ſolche phantaſiereiche, wundervoll wirkende Verbindung der Go⸗ thik mit der Renaiſſance, ſo füllt auf desſelben Meiſters Relief(1521), welches ſich im Dome zu Regensburg befindet und die Begegnung Chriſti mit den Schweſtern des Lazarus darſtellt, ein reines Renaiſſance⸗Gebäude, in welchem ein Fenſterſpitzbogen ſich als die einzige gothiſche Reminiscenz er⸗ kennen läßt, den Hintergrund aus. Dürer, welcher als Schüler Wohlgemuth's aus den Anſchauungen der Gothik hervorging, neigte ſich nach ſeinem Aufenthalt in Italien der Renaiſſance zu, wie es ſeine Zeichnungen und Holzſchnitte vielfach darthun, z. B. die herrliche, mit der Pinſelſpitze ausgeführte Zeichnung in der Sammlung zu Wien, die Auferſtehung Chriſti vom Jahr 1510, mit reicher Archi⸗ tektur im Geſchmack der Renaiſſance. Hans Holbein wandte ſich geradezu von der Gothik ab; ſeine Hallen, Niſchen, Portale ꝛc. ſind auf ſeinen Bildern, Zeichnungen und Holzſchnitten mit Vorliebe im neuen Kunſtſtil entworfen. Dennoch hatten die drei großen Künſtler wenig Einfluß auf die Ge⸗ ſchmacksrichtung der Baukunſt ihrer Zeit. Erſt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kommt in Deutſchland die Renaiſſance, und zwar weſentlich im Palaſtbau, zur Geltung. Als vorzügliche Beiſpiele ſind zu nennen das zierliche Belvedere Ferdinands IJ. auf dem Hradſchin zu Prag, der prachtvolle Otto⸗Heinrichsbau im Heidelberger Schloſſe(1556 1559), die Bogenhalle am Rathhauſe zu Köln(1569 1571), die Martinsburg in Mainz(1569 1571). In nächſter Nachkarſchaft haben wir das Schloß zu Offenbach(1570 1572), welchem jedoch Lübke ein zu übertriebenes Lob geſpendet hat. Von Privatbauten ſind noch anzuführen: das Gewandhaus zu Braunſchweig(be⸗ gonnen 1589), das Topleriſche Haus am Panierplatz in Nürnberg(1590) u. a. m. Wenn uns in Nürnberg der Geiſt des Mittelalters anweht, ſo iſt Augsburg vorzugsweiſe eine Stadt der Renaiſſance; in der maleriſch ſchönen Maximiliansſtraße reiht ſich Haus an Haus in dieſem ſo heiter und feſtlich wirkenden Stile.*) Auch die Sculptur leiſtete beſonders in decorativer Hinſicht in dieſer Periode

*) Der gründliche Kenner des alten Frankfurts, Herr Maler Carl Theodor Reiffenſtein, welcher in ſeiner um⸗ faſſenden Sammlung eigenhändiger, mit feinſtem Sinn für architektoniſche und ornamentale Schönheit ausgeführter Zeichnungen und Aauarelle wenigſtens bildlich den leider zum größten Theil dahingeſchwundenen Reichthum an inter⸗ eſſanten hieſigen Gebäuden früherer Jahrhunderte aufbewahrt, hat mir mit freundlichſter Bereitwilligkeit Einblick in ſeine Notizen gewährt.

Von Renaiſſance⸗Bauten der guten Periode iſt nicht mehr viel in Frankfurt vorhanden. Zuvörderſt iſt am Haus Limburg das Thor, im Hofe desſelben der ſchöne Treppenthurm nebſt den Tragſteinen und Gewölben zu er⸗ wähnen. Unter den Privathäuſern, von welchen kein einziges unverſtümmelt geblieben iſt, zeichnet ſich der große Speicher(Rothekreuzgaſſe 1, Roſengaſſe 2) aus. Der älteſte Theil desſelben wurde 1549 erbaut. Der Treppenthurm auf der Südſeite des Hofes trägt die Jahrzahl 1587. Herr Reiffenſtein ſagt in ſeiner Beſchreibung des Hauſes, welches ſeit 1853 mehrfach durch Umbau und ſonſtige Veränderungen entſtellt worden iſt:Ich glaube nicht, daß ein vollſtändigeres Bild eines Hauſes und Hofes aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts(in Frankfurt) aufgetrieben werden kann.

Der große oder vordere Engel, auch Wechſel genannt(Römerberg 28), trägt zwar mehrmals die Jahrzahl 1562, das Jahr ſeiner Erbauung ſcheint jedoch in die erſte Hälfte des 16. Jahrhunderts zu fallen. Unter dem Giebel, unter welchem dieſes Haus mit dem daranſtoßenden gemeinſchaftlich gebaut iſt, befindet ſich die Jahrzahl 1525. Neben der auf dem Holzerker angebrachten Figur des Engels ſind auf den langen Feldern Adam und Eva und noch allerlei barock geſchnitzte Geſtalten zu ſehen. Über die Bedeutung der letzteren hat Herr Reiffenſtein nichts Urkundliches auf⸗ gefunden. Mir iſt jedoch eine Sage erinnerlich, wonach dieſe Figuren eine ſatiriſche Beziehung auf den Beſitzer eines Nachbarhauſes haben ſollen. Die Inſchrift des Täfelchens auf der Seite nach dem Markt zu: AP0CALIP CAP XIII, ſowie auf dem Geſimſe unter den Fenſtern des zweiten Stockes eine zweite, welche die Verſe 1618 der Sprüche Salomonis, Cap. VI. enthält, laſſen allerdings eine ſolche Deutung zu.